Eine kleine Textprobe gefällig?

Hier können Sie, liebe Leser, die Kurzgeschichte: „Der kleine Liebesgott“ lesen, die ich für die Fantasy-Anthologie: „Geträumte Welten“ verfasst habe. Dabei handelt es sich um die Vorgeschichte zu meinem, noch nicht erschienenen Roman „Elera“.

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Viel Spaß beim Lesen wünscht Ihnen Ihre

Emilia Lynn Morgenstern

Der kleine Liebesgott

 

Ein Mord an meinesgleichen und schon steht die ganze Welt Kopf. Nicht, dass ich etwas dagegen hätte, wenn unser Ansehen unter den Göttern gehoben wird. Ohne uns wäre die Erde bald entvölkert, das darf die Welt ruhig wissen. Dennoch hoffe ich, dass dies meine erste und letzte Sitzung der Liebesgötter bleibt, an der ich teilnehmen muss. Das neue Gesetz ist verabschiedet, ich will nach Hause. Leider scheint es niemand außer mir eilig zu haben.

In aller Ruhe erheben sich die hochrangigen Götter und schreiten aus dem Saal. Ich rutsche auf meinem Stuhl hin und her.

Ins Gespräch vertieft verlassen Astarte und Innana den Raum, dicht gefolgt von Eros. Jetzt erreichen die Ägypter den Ausgang. Bis die Reihe endlich an mir ist, werden sich nur noch die punische Liebesgöttin und ich im Raum befinden.

Ungeduldig warte ich, bis sich die syrische Liebesgöttin erhebt, dann springe auch ich auf. Mein Stuhl kracht zu Boden, doch das kümmert mich nicht. So schnell ich kann eile ich den Gang hinunter und hinter Eros her. Neben einer steinernen Säule hole ich ihn ein und boxe ihm gegen die Schulter. »Na, oller Grieche. Schade, dass nicht du den Pfeil auf Shiva geschossen hast. Deine Asche hätte ich doch liebend gern bewundert.«

Eros bedenkt mich keines Blickes. Unbeirrt strebt er dem Ausgang zu und starrt dabei auf Inannas wogenden Hintern.

Zugegeben, kein schlechter Anblick, den die summerische Liebesgöttin da bietet, aber dennoch. »Dieser Arsch ist doch gar nichts!«, sage ich abschätzig und greife nach Eros’ goldbesetztem Gewand. »Wenn du etwas wirklich Entzückendes sehen willst, musst du schon mit mir kommen. Sheela-naGigs Rückansicht in den Wäldern meiner Heimat ist sehr viel erotischer.«

»Ich stehe nicht auf irische Fruchtbarkeitsgöttinnen Mac-ind-Oek«, knurrt Eros, wird langsamer und bleibt endlich stehen. »Da hat mein eigenes Land sehr viel Besseres zu bieten.« Endlich reißt er den Blick von Inannas Gesäß und mustert mich abschätzend. »Was willst du, Ire?«

»Nun, vermutlich sollte ich dir gratulieren. Das neue Gesetz über die Unantastbarkeit der Liebesgötter verleiht schwachsinnigen Pfeilschießern wie dir völlige Narrenfreiheit.«

»Neid der Besitzlosen«, sagt Eros kühl. »Euch keltischen Göttern fehlt es einfach an allem.«

»Von wegen!«, ätze ich zurück. »Nur Stümper nutzen Pfeile, um die Liebe zwischen den Menschen zu steuern. Und die schönsten Frauen finden sich eindeutig unter den Göttinnen meines Volkes. Gegen Sheela-naGig ist Aphrodites Schönheit nur ein düsterer Schatten.«

Eros lacht. »Meine Mutter ist längst nicht die schönste Göttin, die wir ins Rennen führen können, Rotschopf.«

»Ihr habt eine noch schönere Göttin?«

»Allerdings. Aletheias Liebreiz ist unübertrefflich.«

Ich kneife die Augen zusammen. »Aletheia? Diesen Namen hörte ich noch nie. Seit wann lebt sie im Olymp?«

»Sie lebt nicht im Olymp«, antwortet Eros knapp und setzt sich wieder in Bewegung. »Sie herrscht über ein eigenes Sonnensystem.«

Ich beeile mich, mit ihm mitzuhalten und verfluche meine kurzen Beine. Nicht nur, dass mich das Schicksal mit roten Haaren gestraft hat, nein, ich muss mich auch noch mit ganzen 1,65 m zufriedengeben. »Dann habt ihr also neue Planeten gefunden und seid dabei, zu expandieren?«

»Nein. Philian gehört allein ihr. Sie ist mächtiger als jede andere Göttin, der du jemals begegnet bist, Schicksalsgötter eingeschlossen.«

Ich pfeife durch die Zähne.

Eros beschleunigt seinen Schritt und ich muss rennen, um mithalten zu können. »Wo kann ich diese Wundergöttin antreffen?«

»Vergiss es, Ire! Sie würde dich mit ihrem Blitz durchbohren, solltest du es wagen, in ihr Reich einzudringen.« Eros durchschreitet die Eingangspforte und saust direkt los. »Vergnüge dich mit deiner Sheela-naGig, Feuerhaar. Die passt zu deinesgleichen.«

Verdammt, erst redet er mir den Mund wässrig und dann lässt er mich stehen.

Auf dem Hauptgang verwickle ich einige andere Liebesgötter ins Gespräch und erkundige mich dabei nach Aletheia, ernte jedoch stets nur Schulterzucken. Niemand hat ihren Namen bisher gehört.

Zum Schluss stehen nur noch die indische Liebesgöttin und Astarte vor den Toren des Wolkenschlosses, alle anderen sind schon gegangen. Ich trete zu ihnen. Sofort weicht Astarte einen Schritt zurück, mustert mich kühl von der Seite.

Ich spreche Lakshmi mein Beileid aus und verleihe meiner Hoffnung Ausdruck, dass es ihr schon gelingen wird, den Mörder zu einer Wiedererweckung ihres Sohnes zu bewegen.

Lakshmi nickt. »Shiva muss ein Einsehen haben. Bisher wusste ja niemand, dass der Tod eines Liebesgottes solch verheerende Wirkung auf die ganze Welt zeigen würde.«

Ich nicke und drücke ihr noch einmal die Hand. »Gut, dass unsere wahre Bedeutung nun endlich zum Vorschein gekommen ist.«

Astarte bedenkt mich mit einem abschätzigen Blick. »Geh nach Hause zu deinen Schafen, Mac-ind-Oek, und lass uns wichtige Götter das allein regeln!«

Ich grinse sie an. »Na, schlechte Laune, weil die Griechen dir den Rang abgelaufen haben, Astarte? Ihre neue Göttin soll unübertreffliche Schönheit besitzen.«

»Neue Göttin?«, fragt Lakshmi erstaunt. »Davon hätte ich noch nichts gehört.«

Ich wende mich wieder ihr zu. »Ihr Name ist Aletheia und sie …«

»Ach Aletheia!« Lakshmi macht eine abfällige Handbewegung und wendet sich wieder Astarte zu.

»Du kennst sie?«, frage ich eifrig.

»Natürlich kenne ich sie. Sie hat Ganescha das Herz gebrochen. Jammerschade. Niemand veranstaltete Festgelage wie er. Und sein Rüssel erst …« Sie verdreht die Augen. »Eine Verschwendung so etwas, wirklich!«

Ich lehne mich nach vorn. Spricht sie tatsächlich von Ganescha, dem mit Abstand mächtigsten Schicksalsgott, den diese Welt zu bieten hat? »Was ist geschehen?«, frage ich neugierig und auch Astarte kommt wieder einen Schritt näher.

Lakshmi schnaubt. »Woher soll ich das wissen? Ganescha hat sich in seinen Wolkenpalast zurückgezogen und redet mit niemandem mehr. Seit diese elende Göttin bei uns aufgetaucht ist, hat er keine Frau mehr an sich rangelassen. Nicht einmal mich, so sehr ich ihm auch versprach, sein gebrochenes Herz zu heilen. Er schüttelte nur den Kopf, murmelte ein ›Nichts kommt ihr auch nur im Entferntesten nahe‹ und ging von dannen. Ich meine, Hallo! Will er sich für alle Ewigkeit in seinem Schmerz vergraben? Für Liebeskummer ist er wirklich zu alt und zu mächtig.«

»Aber du weißt nicht zufällig, wo sie wohnt?«, frage ich.

Lakshmi kneift die Augen zusammen. »Warum willst du das wissen, Mac-ind-Oek? Willst du sie etwa aufsuchen?«

»Nein, nein, natürlich nicht.« Ich lache. »Es ist nur seltsam, dass du die Einzige zu sein scheinst, die sie überhaupt kennt. Keiner hat ihren Namen auch nur gehört.«

»Und das ist auch besser so«, knurrt die Göttin, nickt Astarte knapp zu und geht von dannen.

Ich eile ihr hinterher. »Vielleicht kannst du ja bei Ganescha ein gutes Wort für mich …«

»Nein!« Sie wirbelt herum. »Denk nicht mal im Traum daran, den Aufenthaltsort dieser verfluchten Göttin von ihm erfahren zu wollen. Beim geringsten Verdacht, dass du dich an seine Göttin heranmachen willst, bist du ein toter Mann. Und nach der heutigen Sitzung solltest du wirklich wissen, dass ein toter Liebesgott, bereits einer zu viel ist.«

»Du bist so dämlich, wie deine Haare rot sind, Mac-ind-Oek!«, ruft Astarte zu mir herüber und fliegt fort. Auch Lakshmi saust nun ohne ein weiteres Wort davon.

Elende Liebesgötter! Ich würde sie ja verfluchen, wenn ich nicht selbst einer wäre.

Was bleibt mir anderes übrig, als nun ebenfalls zu gehen? Hinter mir bricht der Wolkenpalast mit lautem Krachen zusammen. Er hat seinen Zweck erfüllt.

* * *

Ich öffne die Tür der Daimonenspelunke und trete ein. Wenn es Klatsch und Tratsch über die mächtige Göttin gibt, werde ich ihn hier, bei den Niedrigsten der griechischen Götterhierarchie, am ehesten zu Ohren bekommen.

Ein Duft von saubergeschrubbten Böden schlägt mir entgegen, vermischt mit dem Gestank des vergorenen Weines, den diese Spezies so gerne trinkt. Ich lasse meinen Blick über die Gäste schweifen und glaube, in einem Standbild gefangen zu sein.

Kein einziger Daimon bewegt sich. Stocknüchtern und mit gerade aufgerichtetem Rücken drängen sie sich auf die Bänke, rund um die grob behauenen Tische. Keiner sagt ein Wort. Steif und stumm sitzen sie vor ihren Gläsern. Wie soll ich da Gerüchte über die neue Göttin aufschnappen?

Missmutig starre ich in den Raum, bis mir auffällt, dass sich die Gläser vor den Zweimetergestalten langsam aber sicher leeren. Sie trinken also, nur ich kann es nicht sehen. Warum nicht?

Ab und zu verschwindet einer der Gäste, ohne dass sie an mir vorbeigegangen wären. Neue Gesichter füllen die leeren Plätze. Daimonen, deren Hereinkommen ich nicht bemerkt habe.

Teleportation? Nein, diese Kunst beherrschen nur die mächtigsten unter den Göttern. Aber Daimonen sollen flink sein. Vermutlich sind ihre Bewegungen einfach zu schnell, als dass ich sie mit meinen Augen verfolgen könnte. Unheimliche Geschöpfe diese Geistwesen!

Frustriert wende ich mich zum Gehen, da klappert eine Tür. Ich werfe einen Blick über die Schulter zurück und sehe einen heruntergekommenen Daimon durch die Toilettentür in den Schankraum wanken. Augenblicklich steigt mir sein ungewaschener Geruch in die Nase und ich weiß, dass ich meinen Gesprächspartner gefunden habe.

Gemächlich steuere ich den Tresen an und ziehe mir einen Barhocker neben die zerlumpte Gestalt. »Mir scheint, du hast schon bessere Tage gesehen, mein Freund.«

Der Daimon fixiert mich mit blutunterlaufenen Augen. »Wenn du dlaubst, mir jeht es slecht, haste Äquitas nich jesehn. Ik sach dir, so’nen abjerackten Jott hasse noch nie jesehen. Jebrochenes Herz, weeste? Alles jä Schuld von jiesem Flittchen.«

Ich schenke ihm ein nachsichtiges Lächeln. »Ein Flittchen wäre wohl kaum in der Lage, dem Gott der Gerechtigkeit das Herz zu brechen, Desmonitas, oder? Solche Götter stehen auf ehrbare Frauen.«

»Ik heeß nich Desmonitas. Ik bin ain Feuerdschinn.« Sein Kopf sinkt auf die Brust, doch er wirft ihn wieder nach hinten. »Oh kei, ik war mal ain Feuerdschinn. Bis ik jieser Schlampe von Ate bejegnet bin. Dat war main Ende.«

Ate, die griechische Göttin der Verblendung? Was hatte die bei den arabischen Feuerdschinn zu suchen?

Er hebt sein Glas und nimmt einen tiefen Schluck. Dabei kommt er bedenklich ins Schwanken.

Ich greife nach seiner Hand und führe seinen Arm mit dem Glas wieder sicher zur Ablage.

»Schainzt ein netter Gerl zu sain«, lallt der Daimon und lehnt sich zu mir herüber.

Ich halte die Luft an. Der Gestank ist wirklich widerwärtig. »Was wollte Ate von dir?«

Ein zahnloses Grinsen antwortet mir, der Duft von Fäulnis und Tod haucht mir entgegen: »Ficken!«

Ich unterdrücke ein Würgen.

Der Dschinn neben mir fängt an zu schluchzen. »Sie had mich nie jeliebt, die olle Schlampe. Sie hadd es für jiesen Daimon jemacht. So ejnen, wie die da.« Er nimmt den Arm von meiner Schulter, weist auf den Schankraum hinter uns und kippt zur Seite. »Wollte jihn retten.«

Im letzten Augenblick kann ich ihn an der Taille packen und wieder auf seinen Stuhl schieben. Über die Schulter schiele ich zu den steifen Männergestalten. »Ate liebt also einen Daimon«, bemerke ich trocken und verdrehe die Augen. Vermutlich ist sie Opfer ihrer eigenen Verblendung geworden. Anders kann ich mir ihren schlechten Geschmack nicht erklären.

»Dä Fraujen sinn älle schlecht«, schluchzt der Dschinn. »Ich hätte seh jeliebt, aber ik hab se nich jefunde.«

»Vergiss Ate«, knurre ich ihn an. »Es gibt bessere Frauen.«

»Wer schpricht jenn von Ate?«, lallt der Dschinn. »Aletheia wollte ik. Dä Schlammpe had mir von jihr ersählt. Ik wollte sie finden, abber niemant kannte se. Nur Äquitas. Hättest jihn sähen sollen, jenn Äquitas. War ain juter Kerl, abba jetzt isser futsch.« Der Kopf des Dschinn knallt auf die Theke. »Arma Äquitas«, schnieft er. »Arma Muhad!« Und nun schüttelt unkontrolliertes Schluchzen seinen Körper.

»Hast du Äquitas nicht gefragt, wo diese Aletheia zu finden ist?«

Muhad hebt den Kopf und stiert mich an. »Wat jlaubst denn du? Tausänd Mal hab ik ihn gefragt, aber er faselte immer nur wat von Philian. Det Land jibt es abba nich. Hab sämtlische Jarten der Erde durchforscht, is nirgendswo verseichnet. Wenn de mik frachst, war der arme Jott bereits seynen Wahnvorstellungen erlechen.«

»Anzunehmen«, sage ich. »Wer würde auch nicht verrückt werden, wenn er sich einer solch trockenen Materie verschreibt wie der ausgleichenden Gerechtigkeit?«

»Janz meener Mainunk«, grölt der Daimon, legt mir seinen schweißnassen Arm auf die Schultern. »Et jibt keen Jerechtigkeit mehr. Dat Leben ist kurz. Gomm, sauf mit mir.«

»Nein, danke«, sage ich rasch und schiebe den Arm des Daimons von meiner Schulter. »Ich muss eine verschollene Göttin finden. Aber vielen Dank für deine Auskunft.«

»Ik b’jleite dir«, murmelt der Daimon. Im nächsten Augenblick ist er verschwunden. Verblüfft sehe ich mich um, doch seine verlumpte Gestalt ist fort.

Ich zucke mit den Schultern und verlasse die Spelunke.

Zwei Straßen weiter sehe ich den Dschinn wieder. Er schwankt eine enge Gasse entlang, stützt sich dabei mal rechts, mal links an der Hauswand ab. Jetzt weiß ich auch, warum er so stinkt. Diese verkommenen Nebengassen Athens sind zentimeterhoch mit Kloake bedeckt.

»Aletheia«, grölt der Feuerdschinn, stolpert und stürzt zu Boden. Sein Gesicht liegt im stinkenden Matsch. Er wird ersticken, verrecken an seinem Begehren, zu einer Göttin zu gelangen, von der er lediglich gehört hat.

Ich drehe mich um und fliege los.

* * *

Auf der Prachtstraße im Olymp wimmelt es nur so von Göttern, Nymphen und Mischwesen jeder Farbe und Art. Ich quetsche mich durch die Menge und ernte erstaunte Blicke. Meine roten Haare fallen auf, doch niemand hindert mich daran, weiterzugehen.

Da sehe ich Dionysos die Straße herunterkommen. Umgeben von einer Schar Satyrn schreitet er durch die Gasse, die sich vor ihm bildet. Ehrfurchtsvoll neigen alle den Kopf.

Ich tue es ihnen gleich. Vielleicht fällt es ihm dann nicht auf, dass sich ein fremder Gott in seinem Territorium befindet. Vorsichtshalber schiebe ich mich noch halb hinter einen der lilablättrigen Bäume, welche die Prachtstraße rechts und links säumen.

»Mac-ind-Oek!«

Ich zucke zusammen, hebe den Kopf. Dionysos steht direkt vor mir. Aller Augen sind auf mich gerichtet.

»Was suchst du hier?«

»Ich … ich wollte zu Eros.«

»Wieso?«, fragt Dionysos mit strenger Stimme. »Du hast ihn gerade eben auf der Versammlung der Liebesgötter gesehen.«

»Ich benötige eine … Auskunft von ihm.«

Dionysos mustert mich, dann zischt er mir zu: »Die Liebe ist noch immer nicht zu den Menschen zurückgekehrt. Hast du etwas damit zu tun, Ire?«

»Ich?«, frage ich entgeistert und weiche zurück. »Der Himmel bewahre mich davor. Kamadevas Tod ist dafür verantwortlich.«

»Kamadeva, der indische Liebesgott?«

Ich nicke.

»Was ist passiert?«, fragt Dionysos.

»Nun, Kamadeva hat einen Liebespfeil auf Shiva geschossen, schreckte ihn damit aus der Meditation und ist von ihm dafür zu Asche verbrannt worden.«

»Das würde erklären, warum es unter den Indern keine Liebe mehr gibt. Nicht aber, warum die Griechen aufgehört haben, sich zu vermehren.«

Ich zucke mit den Schultern. »Offensichtlich genügt der Tod eines einzigen Liebesgottes, um die Liebe unter allen Menschen auszulöschen.«

Dionysos betrachtet mich einige Augenblicke, dann setzt er seinen Weg fort.

»Schönen Gruß von Aletheia«, rufe ich ihm hinterher.

Da steht er wieder vor mir. »Du warst bei Aletheia?«, donnert er und seine Finger bohren sich schmerzhaft in meinen Arm.

Hey, das war nur ein Scherz, will ich rufen. Ich kenne diese Göttin überhaupt nicht. Doch kein Ton kommt aus meiner Kehle. Mit offenem Mund starre ich den zornigen Gott an.

Dionysos lässt mich los. »Hat sie sonst noch etwas gesagt?«

Ich schüttle den Kopf. »Nein, nur das.«

Dionysos wendet sich ab. »Das Fest ist abgesagt«, ruft er seinen Begleitern zu und verschwindet vor meinen Augen.

Hm, ganz so unbekannt scheint diese Göttin unter den Griechen dann aber doch nicht zu sein.

Aus dem Gemurmel der Umstehenden schließe ich, dass Aletheia die Gefährtin des griechischen Göttervaters ist. Kein Wunder, dass er mich so hart gepackt hat. Wer weiß schon gern einen Liebesgott in der Nähe einer Frau, die er liebt? Schade nur, dass er mich nicht gleich mit zu ihr genommen hat.

So schnell ich kann, schiebe ich mich durch die Besuchermassen Richtung Pforte. Bevor Dionysos von seinem Stelldichein bei Aletheia zurückkehrt, sollte ich vielleicht besser hier verschwunden sein. Wer weiß, wie es dieser Gott aufnimmt, wenn er herausbekommt, dass ich ihn angelogen habe?

* * *

Erst über der Meeresenge von Messina halte ich inne und stürze mich in die glitzernden Fluten. Ein Bad am Abend, erquickend und labend. Irgendwie muss ich ja diesen ganzen Griechenstaub wieder loswerden.

Das Wasser ist herrlich kühl und erfrischend. Ich lasse mich von den Wellen wiegen und starre in den tiefblauen Himmel hinauf.

Plötzlich taucht das wütende Gesicht einer Sirene über mir auf. »Was fällt dir ein, in meinen Wassern zu baden, Rotschopf?«, zischt sie und funkelt mich dabei so wütend an, dass ich mich plötzlich in einem Topf kochenden Wassers wähne.

Uh, übellaunige Griechen gibt es scheinbar überall! »Immer mit der Ruhe. Ich gehe ja schon wieder.« Gerade will ich mich in die Luft erheben, da packt sie mich am Knöchel und zieht mich blitzschnell unter Wasser.

Mir scheint, das neue Schutzgesetz für Liebesgötter ist noch nicht bis in diese Provinz vorgedrungen.

Im nächsten Augenblick umschlingen auch schon Algen meine Hand- und Fußgelenke, fesseln mich auf ein Bett am Grunde des Meeres. Ich bin splitternackt, keine Ahnung, wie sie mich so schnell aus meiner Kleidung schälen konnte. Vermutlich ein Trick, den nur Sirenen beherrschen.

Mit vor der Brust verschränkten Armen schaut die blondgelockte Sirene auf mich herab. »Interpretiere ich deine roten Haare richtig, wenn ich auf einen irischen Stammbaum tippe?«

Ich nicke. Sprechen kann ich unter Wasser nicht.

»Angst?«

Ich nicke wieder.

»Lügner!«, fährt sie mich an und kratzt mir mit ihren langen Fingernägeln über die entblößte Brust.

Ich schnappe nach Luft und schlucke Wasser.

Sie grinst und nickt. »Besser! Wenn du schon Furcht vortäuscht, dann tu es wenigstens überzeugend!« Mit anmutigen Bewegungen schwimmt sie um mich herum. »Da sich nicht jeden Tag ein rotgelockter Liebesgott in mein Revier verirrt, will ich auch etwas davon haben. Das verstehst du doch sicher, oder?« Sie betrachtet mein verkniffenes Gesicht.  »Sag bloß, dir fehlt die Luft zum Atmen!« Sie lacht. »Ihr Landratten seid doch so leicht aus der Puste zu bringen.« Ein Schwung ihrer Hand und eine riesige Luftblase sinkt von der Meeresoberfläche zu uns herab, senkt sich über das Bett und hüllt es in einen schützenden Kokon.

»Besser?«

Ich huste.

»Nun denn, dann wollen wir doch mal sehen, was du so d’rauf hast, irischer Liebesgott.« Sie schwimmt über mich hinweg, streicht mit ihrer Schwanzflosse über meine Brustmuskeln und gewährt mir dabei einen unverstellten Blick auf ihre feuchte Weiblichkeit.

Ich halte die Luft an. Ganz sicher werde ich das aufreizende Spiel dieser Sirene nicht mitmachen. Wenn ich mich mit einer Frau vergnüge, dann übernehme ich selbst die Initiative, dazu nötigen lasse ich mich jedenfalls nicht. Steif wie ein Brett und mit fest zusammengepressten Augen liege ich da.

Sie lacht. »Du glaubst doch nicht allen Ernstes, dass du dich gegenüber den Reizen einer Sirene verschließen könntest, oder? Oh Gott, bist du süß! Ich wusste gleich, dass es mit dir viel Spaß machen würde.« Mit einem Plumps lässt sie sich auf mich fallen, treibt mir damit alle Luft aus den Lungen. Ich reiße die Augen auf.

»Wollen wir eine Wette darüber abschließen, wie lange ich brauche, um deinen kleinen Mann zum Strammstehen zu bringen?«, säuselt sie und reibt ihre Brüste an mir. »Auf was setzt du? Auf drei Sekunden oder auf fünf?«

Ich beiße die Zähne aufeinander.

Ihre Augen funkeln vergnügt. »Hm, weißt du, ich mag dich. Dein Geruch ist außerordentlich attraktiv und deine tiefblauen Augen erinnern mich an heiße Liebesnächte im indischen Ozean.«

Sofort presse ich die Augenlider wieder aufeinander.

»Wenn du es partout nicht anders willst«, haucht ihr Atem an meinem Ohr, »dann singe ich auch für dich.«

»Nein!«, schreie ich und reiße die Augen auf. »Ich tu’ alles, was du willst.«

»Gut, dann sind wir uns jetzt ja einig.« Sie grinst, rutscht bis auf meine Beine zurück, lässt ihren Blick auf meiner Körpermitte ruhen und befiehlt: »Stell ihn auf!«

Ich tue es.

»Hm, da kannst du aber noch mehr, Liebesgott. Mit so was gebe ich mich nicht zufrieden.«

»Verdammt, was willst du von mir?«, rufe ich. »Ich habe dir nichts getan. Ich wusste nicht, dass dies dein Revier ist.«

»Dummheit schützt vor Strafe nicht«, gibt sie ungerührt zurück. »Außerdem bin ich nicht so hässlich, als dass du es wirklich als Strafe empfinden müsstest, mir deine Liebeskunst zu zeigen.«

Abschätzend lasse ich meinen Blick über ihren Körper gleiten. »Mir scheint nicht, dass du es nötig hättest, dir Männer zu fangen, wie eine Spinne die Fliegen im Netz. Du brauchst mich nicht, um auf deine Kosten zu kommen.«

Sie legt den Kopf in den Nacken und lacht herzhaft. »Natürlich nicht. Aber ich will dich und deshalb wirst du mich auch verwöhnen und mir die ganze Bandbreite deiner Liebestechniken zeigen!«

Als sie Stunden später ihre Hand auf meine Brust legt und zufrieden seufzend ihre Augen schließt, frage ich dann aber doch: »Möchtest du mich nicht vielleicht endlich losbinden?«

»Nein, wieso?« Sie hebt den Kopf und grinst mich an. »Mir gefällst du genau so, wie du daliegst. Mit weitgespreizten Armen und Beinen.«

»Dennoch wirst du wohl mit einem anderen Gott weitermachen müssen«, sage ich und zerreiße die Fesseln. »Ich habe jetzt zu tun.«

»Solange ich Gefallen an dir finde, hast du nichts anderes zu tun«, faucht sie und bringt ihren Mund gefährlich nahe an mein Ohr. »Oder willst du, dass ich dir ewiges Vergessen schenke?«

Huh, unersättliche Frauen sind nur so lange amüsant, wie man sich ihnen widmen möchte.  »Minoa«, sage ich mit sanfter Stimme und lege ihr meine Hand auf die Schulter. »Ich habe die Stunden mit dir wirklich genossen, aber jetzt muss ich weiter. Ich muss diese Aletheia finden.«

»Was willst du denn mit der anfangen?«, stößt Minoa ärgerlich hervor. »Ganz sicher kann dir eine Göttin der Wahrheit nicht mehr Vergnügen bereiten als ich.«

»Du kennst sie?«, rufe ich, kralle meine Finger in ihre Schulter und schüttle sie. »Wo finde ich sie? Wie kann ich zu ihr gelangen? So sprich doch endlich!«

»Ich kenne sie nicht«, murrt Minoa, löst meine Finger und schiebt meinen Arm mit Nachdruck von sich.»Woher auch? Es hat ihr bisher nicht gefallen, mein bescheidenes Reich hier aufzusuchen. «

»Woher weißt du dann, dass sie die Göttin der Wahrheit ist?«, hake ich misstrauisch nach.

Sie funkelt mich böse an. Aber dann beginnen ihre Mundwinkel doch zu zucken bis sich schließlich ein breites Grinsen von einem Ohr zum anderen spannt . »Das verrät doch schon ihr Name, Dummerchen!« Sie schmiegt sich an mich und küsst mich auf den Mund. »Ihr Iren versteht wohl kein Griechisch, was?«

»Nicht übermäßig, nein.« Warum sollte ich mir auch die Mühe machen, eine Menschen-Sprache zu lernen? Mir reicht vollkommen, dass ich Irisch lernen musste.

»Warum kommen nicht öfter mal Iren bei mir vorbei?«, mault Minoa und streicht um mich herum wie eine rallige Katze. »Ich glaube, ich habe meine Vorliebe für diese Gattung entdeckt.«

»Gattung?« Ich schnaube. »Eigentlich sollte ich dir jetzt den Kopf abreißen, weil du mich so gefoltert hast. Aber da es durchaus seinen Reiz besaß, sehe ich noch mal davon ab.«

»Wie großzügig von dir, Mac-ind-Oek«, spottet Minoa. »Soll ich dich noch bis zur Wasseroberfläche bringen?«

»Ich bitte darum.«

Im nächsten Augenblick sausen wir eng umschlungen durchs Wasser dem Licht entgegen. Die Luftblase folgt uns.

Zehn Meter unter der Wasseroberfläche stoppt die Sirene. »Und du bist sicher, dass du gehen willst, Rotlöckchen?«

»Ja.« Ich fahre mit dem Finger die Konturen ihrer Lippen nach. »Bist du noch nie jemanden begegnet, für den du alles tun würdest, nur, um ihn zu sehen?«

»Doch«, antwortet sie zögernd. »Einmal bin ich einer solchen Göttin begegnet. Sie war noch Jungfrau und fürchtete sich vor den Satyrn. Aber sie war etwas ganz Besonderes.«

»Was war denn so besonders an ihr?«, frage ich und küsse mich an Minoas Hals von vorne nach hinten.

»Nun, sie mochte keine Ambrosia, ihr wurde schlecht davon. Und sie schwärmte für Dionysos, durfte sich ihm aber nicht nähern, weil sie nicht registriert war. Eines Tages verschwand sie spurlos. War wohl mit Zeus aneinandergeraten, wie ich später hörte. Niemand hat sie jemals mehr gesehen.«

Etwas an ihren Worten macht mich stutzig, ich richte mich auf. »Wie hieß sie denn?«

»Keine Ahnung, sie machte ein Geheimnis um ihren Namen. Ich nannte sie deshalb Küken und sie war zufrieden damit.«

»Küken?« Jetzt muss ich grinsen. »Und wie sah es aus, dein Küken?«

»Na schön eben, wie Göttinnen es zu sein pflegen. Schüchtern und unwahrscheinlich sexy. Sie war etwas ganz Besonderes.«

»Beschreib sie mir!«

Minoa lacht. »Na, na, hier will sich wohl jemand das Herz brechen lassen? Lass deine Finger von ihr. So viel Feuer du auch in dir bergen magst, an meinem Küken würdest du dir die Finger verbrennen.«

»Und wenn schon. Mittlerweile habe ich so viel von dieser Aletheia gehört, dass ich …«

»Wie kommst du denn darauf, dass mein Küken diese Aletheia sein könn…?« Sie stockt.

Eine Weile sagt keiner von uns ein Wort, dann murmelt sie: »Die Göttin der Wahrheit ist sie also. Kein Wunder, dass sie mir ihren Namen damals nicht verraten wollte.« Sie schüttelt den Kopf.  »Und dass ihr von Ambrosia schlecht wird, erstaunt mich jetzt auch nicht mehr. Bereits als junge Göttin verfügte  sie über recht außergewöhnliche Kräfte. Ich sehe sie noch vor mir, wie sie mir die veredelte Ambrosia unterjubeln wollte. Mir war sofort klar, dass wir noch viel von dieser Göttin zu erwarten hätten, und ich habe mich nicht in ihr getäuscht.«

»Das kann man wohl sagen. Immerhin hat sie es zur Gefährtin des obersten Gottes im Olymp geschafft.«

Für einen Moment starrt mich Minoa überrascht an, dann lacht sie herzlich. »Wer hätte das gedacht? Dann hat es mein Küken am Ende also doch noch in Dionysos‘ Bett und Herz geschafft, ohne von Zeus dafür exekutiert zu werden. Und ich habe mich immer gefragt, wer diese mysteriöse Göttin nur sein soll, die Dionysos derart umgekrempelt hat. Ob du es glaubst oder nicht, Aletheia hatte sich bereits auf den ersten Blick in ihn verliebt und himmelte ihn von der Ferne her an. Total süß!« Plötzlich wird sie wieder ernst. »Du bist dir aber schon im Klaren darüber, dass Dionysos keinen Spaß verstehen wird, wenn du versuchst, ihm seine Geliebte auszuspannen, Mac-ind-Oek, oder?« Sie streicht verführerisch über meine Brustmuskeln und dann lässt sie ihren Gesang ertönen.

Ich kann nicht antworten. Ihr Gesang raubt mir den letzten Verstand, vielleicht will ich ihn auch verlieren, es gibt nichts Berauschenderes, als eine vollbusige Sirene, die einen Gott erobert.

Stunden später liege ich halb tot auf dem Sandstrand. Minoa hat mich völlig ausgelaugt. Vermutlich habe ich meine Zeugungskraft für die nächsten 200 Jahre an diese Frau verschwendet, aber ich bereue keine einzige Minute. »Minoa«, murmle ich. »Du bist eine Götterkillerin.«

Sie lacht und haucht mir ins Ohr: »Natürlich, das ist ja auch mein Job als Sirene. Aber ich muss sagen, dass ich noch selten so viel Spaß dabei empfunden habe, einen Mann in die totale Erschöpfung zu treiben.« Sie presst ihre Lippen auf meine. »Falls du in ein paar Monaten erneut das Bedürfnis entwickelst, dich in einer Frau vergraben zu wollen, darfst du gerne wieder verbotenerweise in meinen Gewässern baden«, säuselt sie. »Ich bestrafe dich dann dafür.«

»Wenn nur jede Bestrafung so gut schmecken würde, wie deine«, seufze ich müde und schließe die Augen.

* * *

»Du bist ein Narr, Mac-ind-Oek!«, hallt eine Stimme in meinen Ohren.

Erschrocken reiße ich die Augen auf und sehe direkt in Morpheus‘ grün-rauchige Augen. »Schon wieder ein Grieche«, stöhne ich und schließe die Lider. »Von euch gibt es eindeutig zu viele.«

Morpheus schnaubt. »Wenn du nur halb so viele Gehirnzellen benutzen würdest, wie es griechische Götter gibt, würdest du deinen Schwanz künftig nur noch in Minoas Loch stecken.«

Ich setze mich auf und bemerke erst jetzt, dass ich mich auf einem seidenen Bett befinde. Eine Schlafkoje, freischwebend im Nirgendwo, umhüllt mit wehenden, weißen Schleiern. Morpheus’ Traumreich! »Bisher war mir nicht bewusst, wie berauschend diese Sirenen sein können«, murmle ich.

»Sie sind nicht berauschender als andere Frauen auch«, entgegnet Morpheus trocken.

»Dann hast du noch mit keiner geschlafen«, ereifere ich mich und springe aus dem Bett. »Minoa hat mich fertiggemacht. Bei allen Göttern …« Ich verdrehe die Augen. »Vermutlich werde ich sie eines Tages erneut auf mein Lager locken müssen.«

»Nein.« Mit einem Ernst, der mir seltsam zu Herzen geht, mustert Morpheus mein Gesicht. »Du solltest sie erst gar nicht wieder von deinem Lager aufstehen lassen.«

»Wieso?«, frage ich ihn misstrauisch. »Welches Interesse hegst du an dieser Verbindung?«

»Bei allen Göttern, Mac-ind-Oek, dein Verstand ist ja so was von beschränkt.«

Gelangweilt ziehe ich eine Augenbraue in die Höhe. Falls dieser grünäugige Gott glaubt, ich ließe mich von ihm provozieren und liefere ihm damit einen Grund, mich spurlos verschwinden zu lassen, kann er lange warten. »Da du heute offensichtlich unter schlechter Laune leidest, verschwinde ich jetzt besser wieder, Morpheus.« Ich will gehen, kann mich aber plötzlich nicht mehr rühren.

Verdammt, das sieht nicht gut aus!

Morpheus verzieht die Mundwinkel zu einem spöttischen Lächeln. »Dass ich jemals in die Verlegenheit kommen würde, einen Liebesgott aufklären zu müssen, hätte ich nicht gedacht. Aber du scheinst tatsächlich keine Ahnung zu haben.«

»Keine Ahnung von was?«, fauche ich. Diese Ganzkörperlähmung macht mich aggressiv.

Morpheus’ Augen verengen sich.

Ich schlucke. Wenn ich ihn weiter provoziere, lande ich womöglich noch zu Nebelfetzen verarbeitet in den erotischen Träumen der Menschen. Das sollte ich besser nicht riskieren, aber wie bitteschön soll ich mich beherrschen, wenn er derart mit mir umspringt?

»Nur eine Frau, die dein Seelenpartner ist, kann dir solche Erfüllung schenken, Mac-ind-Oek. Wirf das Geschenk des Schicksals nicht von dir.«

»Meine Seelenpartnerin?« Ich verziehe das Gesicht. »An dieses Märchen glauben doch nur Narren.«

»Narren sind all jene, die das Glück nicht ergreifen, solange es ihnen die Hand darreicht«, entgegnet Morpheus ernst. »Minoa ist dein Gegenstück. Niemand kann dich so glücklich machen, wie sie.«

Ich schnaube. »Sie ist eine Sirene! Wenn ich eine Seelenpartnerin besäße, dann höchstens …«

Morpheus’ ungeduldige Handbewegung lähmt nun auch noch meine Zunge. Ich kann meinen Satz nicht mehr vollenden.

Mit einer Mischung aus Zorn und Mitleid starrt er mich an. »Lass deine Finger von Aletheia, oder du wirst es ewig bereuen!«

Ich vermag nichts zu erwidern. Von Kopf bis Fuß gelähmt starre ich den Traumgott an.

»Keiner, der sein Herz an sie verlor, hat es bisher unbeschadet überlebt. Minoa bietet dir die Chance, noch auszusteigen, bevor du ewig bedauern wirst, eine Göttin begehrt zu haben, die nicht für dich gedacht ist.«

Ja klar, er will sie doch bloß für sich selbst haben!

»Du glaubst mir nicht«, bemerkt Morpheus zögernd. »Dann sieh, was auf dich wartet, wenn du diesen Weg weiter beschreitest.« Er zieht den grünen Mantel vorne auf. Beim Anblick seines zerschundenen, eiternden Körpers ist mir, als müsste ich schreien.

»So schmeckt die Hölle«, sagt Morpheus und schließt den Mantel wieder.

Im selben Augenblick löst sich meine Körperstarre. Ich sacke zu Boden. »Hat sie dir das angetan?«, hauche ich und unterdrücke den Würgereiz in meiner Kehle.

»Nein. Aletheia liebt mich und ich liebe sie. Wir hätten glücklich zusammen werden können.«

Ich krümme mich, würge. »Welcher Gott erhebt Anspruch auf sie?«, quetsche ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hindurch.

Morpheus schüttelt nur den Kopf. »Lass deine Finger von ihr und werde mit Minoa glücklich. Das ist alles, was ich dir zu sagen habe.«

Im nächsten Augenblick befinde ich mich wieder in meinem eigenen Bett.

* * *

Ganze zwei Tage gelingt es mir, mich davon abzuhalten, an die schöne Göttin zu denken, dann fliege ich los. Diesmal wird mich Dionysos nicht daran hindern, dem griechischen Liebesgott einen Besuch abzustatten.

In den frühen Morgenstunden schleiche ich mich in Eros’ Palast und raube ihm einen seiner verdammten Pfeile. Lautlos betrete ich sein Arbeitszimmer und knalle die Tür hinter mir zu.

Eros schreckt zusammen, seine Feder fällt auf das Dokument. Langsam dreht er sich um. Seine Augen verengen sich. »Das willst du nicht wirklich tun, Mac-ind-Oek!«

»Oh doch«, gebe ich fest zurück. »Wenn du mir nicht verrätst, wie ich nach Philian gelange, jage ich mir diesen bleiernen Pfeil in die Brust. Und glaube mir: Ich bin Liebesgott genug, um dafür zu sorgen, dass der Pfeil auch seine Wirkung entfaltet.«

Eros erhebt sich. »Mit deinem Tod würde die Liebe endgültig von der Erde verschwinden. Das kannst du nicht riskieren, Mac-ind-Oek.«

»Deshalb wirst du mir jetzt auch sagen, wie ich zu dieser verdammten Göttin gelangen kann.«

Eine Weile starren wir uns in die Augen, dann nickt Eros endlich. »Sie wird dich nicht töten, das hat sie bei mir auch nicht gemacht. Aber sie wird dich in ewiges Unglück stürzen und das hast du verdient.« Er neigt sich leicht zur Seite, kritzelt einige Worte auf ein Papier am Schreibtisch und reicht es mir dann. »Die Wegbeschreibung nach Philian. Viel Glück!«

Ich lasse den Pfeil fallen und laufe los.

* * *

Durch den Glaseinsatz der Palasttür schaue ich in eine lichtdurchflutete Eingangshalle. Marmorboden, eine geschwungene Treppe ins Obergeschoss. Glastüren führen in angrenzende Räume, das ganze Anwesen wirkt durchsichtig. In diesem Haus gibt es wahrlich keine Dunkelheit.

Ich klopfe.

Nichts passiert.

Ich klopfe erneut und lausche gespannt nach jedem Geräusch aus dem Inneren.

Alles bleibt still.

Vorsichtig drücke ich die Klinke nach unten und bin überrascht, dass die Tür nicht verschlossen ist.

»Hallo!«, rufe ich und das Echo scheint mich zu verhöhnen. »lo … lo … lo!«

Ein Rascheln. Mein Blick schnellt nach oben. Auf dem oberen Absatz der Treppe steht eine schwarz gewandete Person und blickt zu mir herab.

Schwarz? Nach der Konstruktion des Palastes müsste hier eine Göttin des Lichts wohnen. Ich starre auf die schwarzen Schleier, welche die Gestalt umwehen und allenfalls erahnen lassen, dass es sich dabei um eine Frau handelt.

»Gestatten, edelste Göttin unter allen Göttern«, sage ich und verbeuge mich tief. »Mein Name ist Mac-ind-Oek. Ich bin der …«

»Ich weiß, wer du bist«, fällt sie mir ins Wort und der Klang ihrer Stimme erfüllt mich mit einem Gefühl der Unwirklichkeit. »Was willst du hier?«

Ich kann nichts sagen, finde einfach keine Worte, nur der unbändige Wunsch füllt mein Bewusstsein, dass sie weitersprechen möge. Der allumfassende Klang ihrer Stimme verzaubert mich.

Einige Momente passiert gar nichts, dann steigt sie die Stufen hinunter. Bei jedem Schritt umweht sie die schwarze Seide, verleiht ihren Bewegungen eine Anmut, die ich nie zuvor gesehen habe. Fasziniert verfolge ich ihren Lauf, bis sie dicht vor mir steht. Ich starre ihr ins Gesicht, kann durch den schwarzen Schleier hindurch jedoch nichts erkennen.

Da, ein Wimmern, dann das kräftige Schreien eines Säuglings. Ihr Kopf zuckt zur Seite, sie blickt nach oben, doch das Weinen geht bereits in Glucksen über. Das Baby lacht, dann ist es wieder still.

Sie wendet sich mir zu. »Du kommst in einer Zeit der Trauer, Mac-ind-Oek. Hier ist kein Platz für dich. Grüße die Erde von mir.« Mit diesen Worten dreht sie sich um und steuert wieder auf die Treppe zu.

»Darf ich dann also hereinkommen?«, rufe ich ihr hinterher.

Sie fährt herum. Habe ich nicht gerade deutlich gemacht, dass ich in Trauer stehe?, höre ich ihre Stimme in meinem Kopf. Aber vielleicht habe ich mir das auch nur eingebildet.

»Verzeiht, edelste Göttin«, sage ich und trete ein. »Ich könnte es mir nie verzeihen, wenn ich von dannen ziehe, ohne wenigstens den Versuch unternommen zu haben, eine betrübte Göttin aufzumuntern.«

Sie steht unbeweglich da und im nächsten Augenblick ist sie verschwunden.

Ich wende mich nach rechts, nach links, da spüre ich sie in meinem Kopf. Die Wahrheit ihres Wesens durchströmt mich, ich schreie auf, sinke zu Boden. Die schiere Macht ihrer Präsenz droht mich zu verbrennen.

Als sie meinen Geist endlich verlässt, atme ich erleichtert auf. Was auch immer sie in meinem Kopf getan hat, das will ich niemals wieder erleben.

Jetzt steht sie erneut vor mir als wäre sie niemals weggewesen. Erschöpft sehe ich zu ihr auf, da dreht sie sich brüsk um. »Bist du hungrig?«, fragt sie über die Schulter hinweg und geht vor mir her in den Salon.

Dann darf ich also doch hereinkommen? »Zu einem ausladenden Festgelage sage ich niemals nein«, keuche ich und rapple mich auf.

Als ich in den Salon trete, schauen mir meine blauen Augen aus dem Spiegel über der Kommode entgegen, glitzern in freudiger Erwartung. Sie wird mit mir speisen, wir werden uns gegenseitig kennenlernen und schließlich näherkommen. Ich bin ein Liebesgott, ich weiß, wie ich eine Frau verführen kann.

»Du hast mir Nachricht von der Erde gebracht, Mac-ind-Oek«, sagt meine schwarz verschleierte Gastgeberin. »Dafür danke ich dir. Doch du hast alle Warnungen in den Wind geschlagen. Für diese Dummheit sollte ich dich mit meinem Blitz verbrennen.«

Verbrennen? Sie wird doch nicht ernsthaft …? Ich starre sie an.

»Dein Glück, dass ich kein Interesse daran hege, die Liebe auf Erden dauerhaft sterben zu lassen. – Nimm Platz, Liebesgott!« Sie weist auf einen Diwan am Tisch. Dann streckt sie ihren Arm zur Rückseite des Raumes. Die Tür dort fliegt auf, Schüsseln, Teller, Gläser und Besteck schweben hintereinander in den Raum und ordnen sich auf dem Tisch an.

Ich lasse mich auf den Diwan sinken und beobachte das Spektakel.

»Minoa hat diese phönizischen Hirseklößchen geliebt. Du wirst ihr einige davon mitnehmen!«

Minoa? Wie kommt sie denn jetzt auf Minoa? Bei allen Göttern, jetzt weiß ich, was sie in meinem Kopf getan hat! Noch nie habe ich von einer Göttin gehört, die sich beim Gedankenlesen in die Köpfe ihres Gegenübers versenkt. Gruselig! In der Tat kann ich ich kann nicht behaupten, dass ich ihre Art der Informationsbeschaffung begrüße. Unwillkürlich reibe ich mir die Schläfe. Das hat verdammt wehgetan. Die dumpfe Ahnung ergreift mich, dass eine intime Berührung von ihr möglicherweise noch viel unerträglicher sein könnte, als ihr Gedankenlesen. Dennoch kann ich nicht anders, als sie die ganze Zeit anzustarren.

Aletheia nimmt mir gegenüber Platz, streckt sich jedoch nicht aus, sondern sitzt mit gerade aufgerichtetem Rücken. »Du hast viel auf dich genommen, nur, um mein Gesicht sehen zu können, irischer Lockenkopf. Doch manchmal ist es besser für uns, wenn unsere Wünsche nicht in Erfüllung gehen.« Mit einer langsamen Geste streicht sie sich den Schleier vom Gesicht.

Unwillkürlich setze ich mich auf. Unter dem Trauerflor kommt ein ebenmäßiges Antlitz zum Vorschein. Eindeutig dem griechischen Schönheitsideal nachempfunden, gerade Nase, volle Lippen, doch nichts, was mich vor Ehrfurcht erstarren lassen würde. Erst als ich ihr in die Augen schaue, läuft mir ein Schauder den Rücken hinab. Trauer, dunkler als die Schwärze ihres Kleides, eine ganze Galaxie würde nicht ausreichen, um dieses Gefühl zu umschließen.

Minoa hatte recht. Es gibt viele schöne Gesichter, doch nichts gleicht dieser Göttin. Sie spielt in anderen Gefilden, als normale Götter. Die Intensität ihrer Gefühle ist wie ein verzehrendes Feuer, welches mich bald zu einem Häufchen Asche verbrennen wird.

Ich will aufspringen, aus dem Raum stürmen, doch es ist bereits zu spät. Ich kann mich nicht rühren. Ich kann nur in dieses sanfte Gesicht starren und fühlen, wie meine Seele erbebt unter dem Wunsch, ein Lächeln möge um ihre Mundwinkel erscheinen.

»Bitte, bedien’ dich!«, sagt sie und senkt den Blick auf den Tisch.

Ich schüttle den Kopf. Meine Kehle ist wie zugeschnürt. Ich will weinen. Aber wenn ich damit anfange, werde ich nie wieder aufhören können.

Sie seufzt, lehnt sich zurück und mustert mich schweigend.

Plötzlich weiten sich ihre Pupillen, ihr Blick richtet sich auf etwas hinter mir.

Ich fahre herum. Ein gelber Schmetterling flattert zur Tür herein. Ein Schmetterling? Davon gibt es tausende in ihrem Garten!

Ich schaue zu ihr und die Sehnsucht ihrer Augen bricht über mir zusammen wie eine salzige Ozeanwelle. Was auch immer sie mit diesem Schmetterling verbindet, es muss sie einst unendlich glücklich gemacht haben.

Da spüre ich eine Berührung auf meinem Handrücken und senke den Blick. Der Schmetterling saugt den Schweiß von meiner Haut, schlägt zweimal mit den Flügeln und löst sich vor meinen Augen auf.

Im selben Augenblick ziehen sich die roten Haare auf meinem Handrücken in die Haut zurück. Glatte Haut erscheint, lange schlanke Finger, was geht hier vor? Panisch springe ich auf, sehe das Zimmer plötzlich aus einer Perspektive, als stehe ich auf Stelzen. Daimonengröße!

Tränen in den Augen meiner Gastgeberin. Freude, Trauer, Verzweiflung, Verlangen. Sie steht auf und streckt mir die Hand entgegen. »Komm!«

Mehr sagt sie nicht, doch ich weiß, dass diese Worte meinen Untergang besiegeln werden. Wie in Trance folge ich ihr.

An der Tür drehe ich mich noch einmal um. Aus dem Spiegel schaut mir ein bleiches Gesicht entgegen, schulterlange schwarze Haare und graugrüne Augen, deren Ausdruck ich nie wieder vergessen werde.

Dann flutet ein fremdes Bewusstsein meinen Geist.

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