Melodie der Macht

Die Worte des neuen Kontrakts:

Wir messen unsere Kräfte, während dein Rettungsplan läuft. Wer das Geschehen in seinem Sinne zu steuern vermag, hat gewonnen.
Sollte es dir gelingen, mich auszustechen, fällt Naarija nach Beendigung des Rettungsplanes wieder an dich. Zeige ich mich dagegen als der Bessere, gewinne ich auch noch die zweite Planetenhälfte dazu. Dafür gewährst du mir bleibendes Gastrecht in Kiephos, damit ich das Geschehen orts- und zeitnah verfolgen kann.
In drei Wochen kehre ich zurück. Dann erwarte ich, dass du mich höflich in deinem Palast bewirtest.

Dolos, Daimon der
Täuschung und des Betrugs

Kapitel 1

Dolos – Daimon der Täuschung und des Betrugs

* * *

Ha, ich sollte ein Buch darüber schreiben: Vom Daimon, der auszog, ein ganzes Sonnensystem zu erobern.
Voller Übermut schlage ich einen Salto und sause weiter auf die Sonne zu.

Aletheia ist mir voll ins Netz gegangen. War es nicht ein Kinderspiel für mich gewesen, Simans Mission scheitern zu lassen und damit die erste Wette zu meinen Gunsten zu entscheiden? Genauso leicht wird es mir fallen, Elia nach meiner Pfeife tanzen zu lassen, sobald er losgeht, um Simans Fehler wieder auszubügeln. Aletheias Rettungsplan liegt ganz in meiner Hand.

Lachend werfe ich mich in die Flammen der Sonne, genau dort, wo sich die Pforte befindet.

Sofort werde ich von Aletheias Zeitstrudel erfasst und lande einen Augenblick später im Inneren der Sonne. Hier umweht mich der wunderbare Duft von Schöpferkraft, Aletheias Duft! Ich kann nicht umhin, zunächst einen tiefen, tiefen Atemzug zu nehmen. Ah, das ist herrlich! Das ist reines Glück, Erfüllung, Ekstase. Kann es je etwas Schöneres geben, als Schöpferkraft?

Mein Blick schweift über die weite Landschaft. Kiephos, Aletheias wundervoller Garten, ein paradiesischer Ort zum Wohnen und ab heute auch mein Zuhause.
»Hallo, geliebte Göttin der Wahrheit«, spreche ich zum Palast auf dem Hügel hin. »Ich komme zu dir und du wirst dich an unsere Vereinbarung halten müssen, auch wenn du mich zweifelsohne lieber in den tiefsten Tartaros verbannen würdest. Ist das nicht wunderbar?«

Dann sause ich los, den schnurgeraden Zufahrtsweg durch die Ebene entlang, an Wäldern, Obstwiesen und Getreidefeldern vorbei, zum Fuße des Hügels. Für den langen Zufahrtsweg von der Pforte bis zum Palast benötige ich gerademal fünf Sekunden – mitunter ist es doch praktisch, ein Daimon zu sein.

Als ich die Eingangshalle betrete, steht mir noch immer dieses dämliche Grinsen im Gesicht, ich kann es einfach nicht abschalten. Und warum sollte ich meine Freude über den Sieg auch verbergen? Ich komme als Imperator, der in Besitz nimmt, was er rechtmäßig erworben hat.

Mit einem lauten Knall lasse ich die Eingangstür hinter mir ins Schloss fallen. Nicht, dass Aletheia noch entgeht, dass ich angekommen bin, schließlich soll der Hausservice wissen, dass der neue Hausherr eingetroffen ist.
Passend zur Gelegenheit nehme ich die Gestalt eines Königs an und lasse meinen Blick durch die Halle schweifen. Hier werde ich künftig wohnen: Marmorboden, hohe Wände, stuckverzierte Decken, edles Möbiliar und alles dominierend eine steinerne Treppe mit goldenem Geländer und dunklem Holzlauf an der Rückseite der Halle. Auf halber Höhe trennt sie sich und führt dann in edlem Schwung rechts und links zur Galerie hinauf.

Natürlich wird mir Aletheia den bisher leerstehenden rechten Hausflügel zuweisen, aber dort werde ich nicht lange bleiben. Über kurz oder lang werde ich in den linken Palastflügel umziehen, in ihr Schlafzimmer. Nun, da mich Aletheia unter ihrem Dach dulden muss, kann ich all meine Verführungskraft einsetzen und sie in mein Bett locken. Sie muss in den Spiegel der Wahrheit schauen und Ates Verblendung wird in tausend Stücke zerspringen. Dann erst ist der Weg frei für meinen wahren Eroberungszug.

Ich blicke nach oben und durch die gewölbte Glaskuppel direkt in den feuerüberhauchten Himmel. An Licht mangelt es hier wahrlich nicht. Eigentlich erstaunlich, dass dies kein Unbehagen mehr in mir hervorruft. Wesen, die wie ich aus Nacht und Finsternis geboren wurden, scheuen das Licht. Deshalb war es mir ja auch so schwer gefallen, mich in einen Sonnenstrahl zu verwandeln, um Aletheia im Tartaros zu suchen. Aber nachdem ich diese Aufgabe bewältigt habe, fühle ich mich im Licht fast genauso heimisch wie in der Finsternis. Beste Voraussetzungen, mich Aletheia zu nähern.

Eine Bewegung lenkt meinen Blick zur Treppe und mein Lächeln erstarrt. Heilige Bilurikacke, was soll das denn sein?
Soeben erscheint Aletheia linker Hand auf der Galerie und schreitet die Stufen hinunter, umgeben von einem unförmigen Etwas aus grobem, grauen Leinen. Mir entgleist der Unterkiefer. Nennt sie das etwa ein Kleid? Da habe ich aber ganz andere Exemplare in ihrem Schrank gesehen!

Ich presse die Lippen aufeinander. Ganz schön dreist, mir in ihrer Position derartig gekleidet unter die Augen zu treten! Die Absicht hinter dieser Kleiderwahl erhebt sich zwar über jeden Zweifel, doch an ihrer Stelle würde ich mich nicht dergestalt verärgern. Höfliche und zuvorkommende Bewirtung habe ich mir ausgebeten und sie bietet mir einen solch entstellenden Anblick? Meint sie etwa tatsächlich ihr stümperhaftes Bemühen, sich selbst hässlich zu machen, könnte mich von meinen Zielen abbringen? Pah, da täuscht sie sich aber gewaltig: Ich werde sie in mein Bett locken, egal wie sie sich kleidet.

Davon abgesehen muss ich nicht erst meine Augen bemühen, um sie zu sehen, ihr Bild steht mir Tag und Nacht vor Augen. Und zwar so, wie sie geschaffen worden ist: nackt!
Habe ich ihre Gestalt nicht mit eigenen Händen nachgeformt? Stand mir Thäma, ihr Ebenbild, nicht jahrhundertelang vor Augen? Jede einzelne Rundung ihres Körpers kenne ich und jede Vertiefung. Ja, ich weiß sogar, wie es sich anfühlt, in ihr zu sein, auch wenn ich noch nie mit ihr geschlafen habe. Nur immer mit Thäma, aber das war stets nur ernüchternd.

Es ist eben nicht dasselbe, mit einer Göttin der Lüge zu schlafen, wenn man stattdessen die Göttin der Wahrheit unter sich spüren könnte.
Was hilft es da, dass mein Geschöpf Aletheia in jeder Kurve ihrer Gestalt gleicht? Thäma fehlt dieses Strahlen, welches die wahre Göttin von innen heraus erfüllt, und ihr Duft nach Schöpferkraft. Sie ist Dunkel, wo Aletheia Licht ist, sie strahlt Berechnung und Verrat aus, wo Aletheia Wahrhaftigkeit an den Tag legt. Sie denkt nur an sich, während sich die wahre Aletheia für diejenigen aufopfert, die sie liebt. So führt mir Thäma jeden einzelnen Tag ihres verdammten Lebens meine eigene Unvollkommenheit vor Augen.

Und genau das hat Prometheus beabsichtigt. Er wollte, dass ich beginne, die Lüge zu hassen, weil ich die Wahrheit nicht bekommen kann. Wenn das kein Beweis von Prometheus’ berechnender Gemeinheit ist, dann weiß ich auch nicht.

Mit gekreuzten Armen vor der Brust sehe ich Aletheia entgegen. Sie will also ihre Schönheit vor mir verbergen, ja? Stümperhafter Versuch, kann ich da nur sagen. Wenn sie sich schon hinter grobem Stoff verbergen will, dann hätte sie gefälligst auch ihre Haare bedecken sollen. In welliger Pracht hängen ihr die dunkelblonden Locken bis zum Po hinunter und tanzen im Spiel ihrer anmutigen Bewegungen. Das kann einen Mann schon auf gewisse Gedanken bringen. Tatsächlich ist mir, als spürte ich die Weichheit ihres Haars über meine nackte Haut streichen.

»Wo ist mein Zimmer?«, herrsche ich sie an, noch bevor sie ganz zu mir herunter gekommen ist. »Ich benötige eine Hausführung.«
Nun, das ist eine Lüge, ich kenne ihren Palast beinah genauso gut wie sie selbst, immerhin bin ich heute nicht zum ersten Mal hier, aber das muss ich ihr ja nicht jetzt schon unter die Nase reiben.

Aletheia bleibt stehen, schluckt und weist mit gezwungener Geste auf die Tür links neben mir.

Ha, mein fordernder Ton ärgert sie. Sehr gut, so kann sie sich gleich mal daran gewöhnen, wer hier in Zukunft das Sagen hat. Mit einem vornehmen Kopfnicken trete ich einen Schritt zurück, lasse sie vorbei und bedeute ihr, dass sie vorangehen soll.

Mein höfliches Verhalten ringt ihr wenig Begeisterung an. Sie wirft mir einen finsteren Blick zu und öffnet die Tür in den Salon. So viel zu ihrem zuvorkommendem Verhalten!

Vor meinen Augen öffnet sich nun ein großer Raum, dessen bodentiefe Fenster einen atemberaubenden Blick in die Weite der Landschaft bieten. Schon bei meinem ersten Besuch in ihrem Palast sind mir die großen Fenster überall aufgefallen. Natürlich würde sich eine Göttin des Lichts keine finstere Burg bauen, um darin zu leben, doch sie hat ihren Palast auch noch aus einem anderen Grund so offen gestaltet. Auf diese Weise kann sie von jedem Raum an der Vorderseite ihres Palastes den Zugangsweg bis zur Pforte am Horizont einsehen.

Tatsächlich bietet sich eine solche Sicherungsmaßnahme bei ihrem einsamen Stützpunkt am Ende des Universums auch an. Durch diese Anordnung bleibt ihr genügend Zeit, sich auf den Besucher vorzubereiten. Es sei denn, es handelt sich dabei um einen Daimon, der benötigt auch für zehn Kilometer nur ein paar Sekunden. Ich grinse und sehe mich um.

Erstaunlich, letztes Mal sah ihr Salon noch ganz anders aus. Jetzt wirkt der Raum seltsam leer und bescheiden. Nur eine Sitzgruppe aus drei Diwane befindet sich in der Mitte des Raumes, jeweils mit einer Seitenlehne ausgestattet, so dass man bequem auf ihnen bei Tisch liegen und speisen kann. Ansonsten gibt es nur noch eine Kommode mit zierlichen Füßchen und darüber einen großen Spiegel, in dem sich der Eintretende selbst sieht, mehr nicht. Wo sind die ganzen Kunstgegenstände und Gemälde geblieben? Wo die vielen Vasen?

»Das ist der Salon und gleichzeitig mein Speisesaal«, erklärt mir meine Gastgeberin mit gepresster Stimme und wendet sich schon wieder zum Gehen.

Ich weise in die Ecke rechts. »Und wohin führt diese Tür?« Da ist keine Tür zu sehen  aber ich weiß, dass sich dahinter die Küche verbirgt und irgendwie muss sie ja dorthin gelangen.

Aletheia wirft mir einen ärgerlichen Blick zu. »Da geht es zur Küche.«

Ich ziehe die Augenbrauen in die Höhe. Sie gibt es also zu, dass sie den Zugang dorthin verborgen hat. Wieso? Will sie mich aushungern? Mich zwingen wieder abzureisen? Aber ihr muss doch klar sein, dass ich genauso wie sie durch feste Gegenstände hindurchgehen kann. Schließlich habe ich sie aus Zeus’ Käfig geholt, aus dem sie nicht allein entkommen konnte. Eine Tür durch ein Stück Wand zu ersetzen ist wirklich kein probates Mittel, um mich von ihren Nahrungsvorräten fernzuhalten.

Nun, ich sollte nicht so streng mit ihr sein. Vermutlich stellt dies das Maximale an Hinterhältigkeit dar, zu dem sie als Göttin der Wahrheit fähig ist. Ich grinse, stets der Wahrheit verpflichtet zu sein, stellt sie bestimmt mitunter vor unlösbare Probleme, da habe ich es doch sehr viel leichter.

»Und wofür brauchst du eine Küche?«, frage ich interessiert. Das habe ich mich schon immer gefragt. Schließlich ist sie als Göttin nicht darauf angewiesen, zu essen. Davon abgesehen kann sie sich jederzeit Lebensmittel erdenken, warum also in drei Teufels Namen nimmt sie die Mühe des Kochens auf sich?

»Ich brauche die Küche nicht«, antwortet Aletheia hochmütig, wirbelt herum und will gehen, doch ich fasse sie rasch am Arm und halte sie fest.

»Ich möchte mein zukünftiges Heim kennenlernen, also sollte ich wissen, wie die Küche aussieht, die du nicht brauchst.«

»Bitte«, sagt sie schnippisch und schüttelt meinen Arm ab. »Ich hindere dich nicht daran, hineinzuschauen.«

Hm, vor ihren Augen will ich jetzt nicht in die zweite Dimension wechseln, um durch die Wand gehen zu können. Diesen Trumpf behalte ich lieber noch etwas im Ärmel. »Da du dich offensichtlich deiner Küche schämst, werde ich sie mir später allein anschauen. Bitte setze deine Führung fort.«

Aletheia presst die Lippen zusammen und führt mich durch die Eingangshalle zur gegenüberliegenden Tür.

Der Raum ist noch größer, als der Salon und erwartungsgemäß mit ebenso großen Fenstern an der Frontseite des Hauses ausgestattet. Kleinere Fenster an der Hausrückseite geben den Blick frei in den Wald, der direkt hinter dem Palast beginnt. Der Marmorboden glänzt im tanzenden Licht der Sonne. Doch der Raum ist völlig leer, unmöglich zu erkennen, welchem Zweck er nun dienen soll.

Damals noch nutzte sie ihn für die Ausstellung ihrer Kunstgegenstände, aber heute?

»Der Ballsaal«, sagt Aletheia mit der gelangweilten Stimme einer Dame, die ihre hundertfünfzigste Führung durch ein Schloss veranstaltet.

Ballsaal? Ich muss mir ein Lachen verkneifen. Beim besten Willen kann ich mir nicht vorstellen, dass sie jemals vorgehabt haben könnte, die Götter zu einem Ball hierher zu laden.

Mein Blick schweift zur gegenüberliegenden Seite des Saales. Hinter diese Tür habe ich bei meiner heimlichen Erkundung von Kiephos nicht geschaut.

Aletheia fängt meinen Blick ab, seufzt und geht zur Rückwand.

Was ich nun zu Gesicht bekomme, verschlägt mir allen Ernstes die Sprache. Mit offenem Mund betrachte ich Werkbänke, Töpferscheiben, einen riesigen Amboss, den offenen Kamin an der Rückseite des Hauses. »Was zum Teufel …?«
Unter ihrem verächtlichen Blick klappe ich den Mund wieder zu, drehe mich um und gehe zurück in den Ballsaal.

Die Frage, wer dort arbeitet, erübrigt sich, aber warum um alles in der Welt sollte sie sich solchen Tätigkeiten hingeben? Schließlich kann sie doch alles, was sie haben will, einfach mit einem Wink ihrer Hand erschaffen.
Nun, vermutlich schlägt hier das Erbe Prometheus’ durch, der hat seine Schöpferkraft auch nur sehr spärlich eingesetzt, um niemanden auf seine Kräfte aufmerksam zu machen und sich stattdessen in menschlichen Fertigkeiten geübt.

Davon abgesehen muss Aletheia sich ja den lieben langen Tag mit irgendetwas beschäftigen, wenn sie nicht vor Langeweile eingehen will, schließlich lebt sie hier seit ewigen Zeiten allein.
Wie gut, dass es mit ihrer Langeweile ab sofort vorbei sein wird. Anstatt sich lustvollen Zerstreuungen zu widmen, wird meine unfreundliche Gastgeberin ihre nächsten Wochen und Monate mit der Verteidigung ihrer Tugend verbringen müssen. Wie eine Löwin wird sie kämpfen und es wird ihr gar nichts nützen. Bisher habe ich noch immer bekommen, was ich begehre, und so wird es auch diesmal sein. Tja, Pech für dich, geliebte Göttin der Wahrheit.

Als ich wieder in die Eingangshalle trete, entdecke ich einen Käfig unter der Treppe und stocke kurz. Meine Füsse! Mein Druckmittel, mit dem ich mir die erste Wette von Aletheia gekauft habe.

Hinter den Gitterstäben hüpfen meine Geschöpfe wild auf und ab, jedoch ohne ein einziges Geräusch dabei zu verursachen. Offensichtlich hat Aletheia ihnen die Möglichkeit genommen, durch Lärm auf sich aufmerksam zu machen?

Mit einem Wink bringe ich die beiden zum Stehen und werfe meiner Gastgeberin einen fragenden Blick zu. Wieso hat sie meine Kreaturen eingesperrt?

Doch Aletheia würdigt mich keines Blickes und steigt die breiten Stufen hinauf, als sei nichts geschehen. Auf halber Höhe, dort, wo sich die Treppe trennt, wählt sie den rechten Aufgang und betritt die Galerie unter der Glaskuppel. »Hier oben«, erläutert sie gelangweilt und folgt dem gebogenen Lauf der Galerie zur Vorderseite des Palastes, »befinden sich dein Zimmer und ein Badezimmer. Darüber hinaus gibt es einen Raum an der Rückseite des Hauses, den du für deine eigenen Zwecke gestalten kannst.« Sie bleibt stehen und weist in den abzweigenden Gang linker Hand. »Dies ist dein privater Bereich, ich werde ihn nicht betreten, so wie du meinen Teil des Hauses auf der anderen Seite nicht betreten wirst.« Damit setzt sie sich wieder in Bewegung, umrundet die Halle an der Vorderseite und verschwindet auf der gegenüberliegenden Seite der Galerie in dem Gang, der zu ihren Gemächern führt.

Meint sie allen Ernstes, dass mich ihre Anweisung davon abhalten wird, ihren Teil des Palastes aufzusuchen? Ich lache und schreite mit wehendem Mantel den mir zugewiesenen Gang entlang.

Bevor Aletheia auch nur den Hauch einer Chance gegen mich erhält, muss sie noch viel über mich lernen. Wie schön, dass ich ihr reichlich Gelegenheit zum Studium meines Charakters bieten werde. So lange, wie wir hier gemeinsam leben werden!

Zunächst jedoch will ich die mir zugedachten Gemächer inspizieren. Bei meinem letzten Besuch in ihrem Palast waren sie noch leer, ich bin gespannt, wie sie die Räume jetzt eingerichtet hat.

Ein großzügiges Schlafzimmer erwartet mich, als ich die Tür öffne. Wow, hier jedenfalls hat Aletheia bei der Einrichtung nicht mit Luxus und Bequemlichkeit gespart. Ein prächtiges Himmelbett verspricht angenehme Erholung, der ausladende Sessel am Fenster lädt zum Betrachten der Landschaft ein. Schwere Gardinen an den Fenstern ermöglichen es mir, die fortwährende Helligkeit für die Nachtruhe aus meinem Zimmer zu verbannen. Alles, was ich mir nur wünschen könnte, ist vorhanden.

Seltsam, wie passt dieses luxuriös ausgestattete Zimmer zu Aletheias ansonsten so spartanisch eingerichtetem Palast? Ich meine, da nimmt sie selbst jegliche Unbequemlichkeit auf sich, verbannt alles Schöne, um mich möglichst schnell zu vergraulen, und dann das?

Ich werfe mich auf das Bett und wippe ein wenig auf der weichen Unterlage.

Ach so, natürlich, jetzt verstehe ich! Noch solch kleine, hintergründige Maßnahme. Ich grinse von einem Ohr zum anderen und springe wieder aus dem Bett.
Tja, das war wohl nichts, kleine Göttin der Wahrheit, dieser pfiffige Schachzug wird mich keineswegs von dir fernhalten. Ob gemütlich oder nicht, ich werde diese Räume hier oben nur zum Schlafen aufsuchen. – Und zum Baden, stelle ich mit einem Blick in das pompös ausgestattete Badezimmer fest.

Dann trete ich vor die Tür und gehe den kurzen Flur zur Galerie zurück. Scheinbar hat meine kleine Widersacherin nichts dazugelernt in all der langen Zeit. Ihre Vergraulungsmethoden jedenfalls erscheinen mir recht inadäquat für einen Daimon, der vorhat, lange zu bleiben. Sehr lange sogar … für immer!

Ich lache, wechsle die Dimension und folge der Galerie bis zu Aletheias Seite des Palastes.
Und nun meine kleine Göttin der Wahrheit werde ich mir ansehen, was du so gewissenhaft vor mir zu verbergen suchst. Lektion Nummer eins: Verbiete einem Daimon niemals etwas, wenn du ihn nicht dazu verleiten willst, es umso dringender wissen zu wollen.

Ein paar Stunden später schmeiße ich mich erneut auf mein Bett und kann mir dabei kaum ein Lachen verbeißen. Wenn mich nicht alles täuscht, ist mir gerade der Clou des Jahrtausends gelungen.

Natürlich habe ich für diese Leinwand meine gesamte geraubte Schöpferkraft aufwenden müssen und ein weiteres Viertel meiner Lebenszeit dazu, aber das Ergebnis ist unbestreitbar genial. Voller Stolz betrachte ich die Leinwand am Fußende meines Bettes.

Ein kleiner Probelauf gefällig? »Zeige mir Tiepa!«

Sofort bemalt sich die weiße Fläche und ein verwuschelter Mädchenkopf erscheint zwischen den Kissen eines Bettes.
Aha, sie schläft gerade. Nun, dann wollen wir doch einmal sehen, ob meine Leinwand auch in ihren Erinnerungen lesen kann. »Zeig mir etwas aus ihrem Leben, Lintea, etwas Interessantes, eine Begebenheit, die sie charakterisiert.«

Auf der Leinwand erscheint dasselbe Mädchen nun kämmend vor einem weißen Spiegeltischchen. Ich höre ihre Stimme.

* Tiepa *
Aus dem Spiegel schaut mir mein eigenes Gesicht entgegen.

Ich ziehe den Kamm durch mein langes, weißblondes Haar und seufze.
Jedes Mädchen wünscht sich schön zu sein, doch manchmal erweist sich Schönheit auch als Fluch. Von denen, die mir mit Missgunst und Neid begegnen, versteht das nur keiner. Heute beim Tanzen zum Beispiel …

Ein Klopfen an der Tür, ich sehe auf.
Siman streckt seinen Kopf ins Zimmer. »Kann ich dich einen Moment sprechen, Tiepa?«

Wieso? Was will er von mir? Ich mustere sein Gesicht. Wilde, braune Locken umtanzen seinen Kopf und die Bartstoppeln lassen sein Gesicht noch bleicher erscheinen als sonst.

Mein Herzschlag beschleunigt sich. Wie immer steigt bei seinem Anblick jene Frage in mir auf. Jene Frage, die ich nicht in Worte zu fassen vermag, deren Antwort aber mein Leben verändern wird.
Eine unspezifische Ahnung, mehr kann ich nicht erzwingen. Wann wird sich mir endlich enthüllen, warum mich dieser Einhornreiter so sehr fasziniert?

Ohne mein Nicken abzuwarten, dreht sich Siman um und geht.

Ich folge ihm durch die Halle.
Was kann er nur von mir wollen? Seit seiner Ankunft vor vier Wochen hat er mich noch nie angesehen, geschweige denn das Wort an mich gerichtet. Für gewöhnlich sitzt er schweigsam und mürrisch an der Tafel meines Vaters.

Keines meiner Geschwister wagt, ihn auch nur anzusehen. Selbst meine Eltern stellen keine Fragen zum Woher und Wohin dieses Gastes, begegnen ihm nur mit ausgesuchter Ehrerbietung und lassen ihm alles zukommen, was er wünscht.

Wieso wendet er sich dann heute ausgerechnet an mich? An mich, eine Jugendliche im Haganah! Für gewöhnlich bekomme ich von Erwachsenen kaum mehr als ein Grußwort zu hören. Jeder hat Angst, er könne mir ausversehen eine Information zukommen lassen, die ich noch nicht vertrage, doch

Siman teilt diese Sorge offensichtlich nicht. Er will mit mir reden, von allen meinen Geschwistern ausgerechnet mit mir.

Nun, vermutlich, weil meine Brüder und Schwestern in Ohnmacht gefallen wären, wenn Siman sie angesprochen hätte, hegen sie doch heimlich den Verdacht, der Fremde könne gar nicht sprechen. Ziemlich unaufmerksam von ihnen, immerhin ist Siman bereits zwei Mal im Arbeitszimmer meines Vaters verschwunden. Zu kurzen Gesprächen nur, aber immerhin.

Leider habe ich trotz angestrengten Lauschens nur Murmeln durch die verschlossene Tür vernehmen können. Sie haben geflüstert, als hätte Siman gewusst, dass ich draußen vor der Tür stehe und lausche.

Er ist so geheimnisvoll! Auch jetzt kann ich seine Absicht nicht erspüren, obwohl er vor mir hergeht und ich all meine Sinne auf ihn konzentriere.

Stets verschließt er seine Gedanken so tief in sich, dass ich nichts davon vernehmen kann. Ein einziges Rätsel ist dieser Mann, undurchschaubar wie der Nachthimmel und geheimnisvoll, wie das Einhorn, auf dem er reitet.

Sein Einhorn! Große Göttin, was würde ich dafür geben, einmal auf dieses Wundertier steigen zu dürfen! Bisher habe ich es nur aus der Ferne gesehen, das makellose Weiß des Fells gegen den dunklen Hintergrund der Ebene: ein unerreichbarer Traum und doch …

Simans Stimme durchbricht meine Gedanken. »Sei so lieb, und schließe hinter dir die Tür. Was ich dir zu sagen habe, ist nur für dich gedacht.«

Nur für mich? Oh, er will mir ein Geheimnis anvertrauen? Mit zitternden Händen komme ich seiner Aufforderung nach, wende mich um und hauche ein atemloses »Ja?« in den Raum.

Ein flüchtiges Lächeln huscht über seine Züge. »Möchtest du nicht erst Platz nehmen?«

Beklommen schleiche ich durch das Zimmer. Diese flammenden Augen! Stets habe ich das Gefühl, er könne damit bis auf den Grund meiner Seele schauen. Im Gegenzug weiß ich nichts über ihn, weder woher er so plötzlich gekommen ist, noch welche Absichten er verfolgt.

Und das, obwohl ich ihn auf Schritt und Tritt beschatte. Doch statt Antworten zu finden, werfen meine Beobachtungen immer nur neue Fragen auf.

Beim Hinsetzen entdecke ich einen Briefumschlag auf der Tischplatte, adressiert mit einem einzigen Wort und in einer fremden Schrift. Mein Herz macht einen Satz. Endlich ein Hinweis auf die Herkunft des Einhornreiters?

Ich versuche mir den Schriftzug einzuprägen, doch die Buchstaben sind mir völlig fremd. Nie zuvor ist mir Ähnliches begegnet, für wen ist das Schreiben bestimmt?

Ich hebe den Kopf.
Siman lehnt an der Wand und mustert mich. »Was weißt du über den verschwundenen Tempel?«

Den verschwundenen Tempel? Himmel, wieso fragt er ausgerechnet mich danach? Weiß er etwa von meinen Versuchen diesen zu finden?

Wenn er meinem Vater von den geheimen Ausflügen in die Ebene erzählt, werde ich jede Menge Ärger bekommen. Ich wage nicht aufzusehen, murmle nur zur Tischplatte hin: »Nicht viel, nur dass er sich in der versunkenen Stadt befindet und dass er der Wohnsitz der Hohen Priesterin gewesen ist.«

Unheilvolle Stille, ich warte auf seinen Tadel, doch er sagt nichts. Was will er mit seinem Schweigen andeuten?

Furchtsam hebe ich den Blick, doch Siman scheint mich bereits vergessen zu haben, starrt nur zum Fenster hinaus, gefangen in Gedanken, die ich nicht hören kann.

»Wieso fragt Ihr?«, hauche ich. »Was ist mit dem Tempel?«

Siman wendet sich mir wieder zu. »Der Tempel ist das Herz dieses Planeten. Wenn es nicht bald wieder anfängt zu schlagen …«

Zu schlagen? Der Tempel soll wieder aufleben? Eine freudige Röte breitet sich auf meinen Wangen aus. Endlich, endlich wird sich mein langgehegter Traum erfüllen. Schon sehe ich mich selbst durch die Hallen des Tempels schreiten, mit wehendem Gewand und dem priesterlichen Stirnreif auf dem langen Haar. Oh, Große Göttin, ich werde …

»… falls ich nicht zurückkomme«, beendet Siman seine Ausführung, stößt sich von der Wand ab und kommt zum Schreibtisch.

Mit weit aufgerissenen Augen starre ich ihn an. Was hat er gesagt? Mist, ich habe nicht zugehört.

Siman mustert mich. »Jetzt wäre der richtige Zeitpunkt, um zu erklären, wie du die Suche nach dem Tempel anstellen willst.«

»Ich?«, piepse ich überrascht. »Aber …« Verflixt. Was auch immer Siman von mir fordert: Ich bin nicht in der Lage, den Tempel zu finden, schließlich habe ich es schon oft genug versucht und keine einzige Spur von ihm entdecken können. »Ich glaube nicht, dass ich den Tempel finden kann«, bekenne ich leise und mit gesenktem Kopf.

»Natürlich nicht«, entgegnet Siman ungeduldig. »Ich habe dir gesagt, dass er in der Zeitverzerrung feststeckt.«

Zeitverzerrung? Oh weh, dann ist es ja kein Wunder, dass niemand den Tempel je gefunden hat. Wer vermag schon die Zeit zu durchdringen? Ich jedenfalls nicht.

Siman greift nach dem Brief und mustert den Umschlag. »Nur Elia vermag den Tempel zu erspüren. Behalte die versunkene Stadt im Auge, und nimm Kontakt mit ihm auf, sobald er dort eintrifft.« Er steckt den Umschlag in die Tasche seiner Toga. »Wenn ihr beiden den Standort herausgefunden habt, werdet ihr die Schriften studieren müssen, um einen Weg zu finden, ihn in unsere Zeit zurückzuholen. Du weißt ja, wo du die entsprechenden Bücher findest.«

»Aber …«, stammle ich und fühle, wie mein Mund trocken wird.

»Ihr werdet einen Weg finden«, wiederholt Siman beinahe beschwörend und geht zur Tür. »Arbeite in der Zwischenzeit an deinen Reifungsübungen und verwende all deine Energie darauf, eine höhere Intuitionsstufe zu erreichen.«

Reifung? Intuition? Ich seufze. Natürlich verfüge ich für mein Alter über eine ungewöhnlich hohe Intuition, aber verglichen mit meiner Mutter, weiß ich nichts. Sollte sich Siman also nicht besser an sie wenden?

»Meinst du wirklich, ich würde dich fragen, wenn es eine andere Möglichkeit gäbe, Tiepa?« Er bleibt in der Tür stehen und schaut zurück. »Du stehst dem Tempel näher als Masina, belaste sie nicht mit einer Aufgabe, die sie nicht erfüllen kann.«

Oh, er hat meine Gedanken gehört, ich habe meine Überlegung zu nah an die Oberfläche steigen lassen, das ist mir schon lange nicht mehr passiert. »Dann darf ich nicht über meinen Auftrag reden?«, frage ich verunsichert.

»Nein, mit niemandem.«

Warum nicht? Wer ist dieser Elia? Was, wenn ich ihn nicht finde? Oder, wenn ich ihm zwar begegne, ihn aber nicht als Elia erkenne?

Siman kneift die Augen zusammen. »Ich muss dir doch nicht erklären, wie ein Mensch aussieht, oder?«

Ein Mensch also, deshalb wird er in der versunkenen Stadt landen. Ich senke den Kopf. »Besitzt er irgendwelche hervorstechenden Merkmale?« Ich meine nur für den Fall, dass mehrere Menschen hier auftauchen.

Siman öffnet die Tür. »Braune Locken, flammende Augen, so groß wie ich.«

Also größer als ein Maya-Mann, gut zu wissen. »Was geschieht, wenn wir es nicht schaffen, den Tempel zu befreien?«

Keine Antwort, nur ein kurzes Stocken.

Das habe ich befürchtet! Augenblicklich beginnt mein Herz, zu rasen. Ich dämpfe meine Stimme, damit das Zittern darin nicht auffällt. »Warum kann dieser Mann, was ich nicht vermag?«

»Lerne ihn kennen und entdecke sein Geheimnis selbst.« Siman macht Anstalten, die Tür hinter sich schließen zu wollen. Ich springe auf.

»Woher weißt du, dass Elia auch wirklich kommen wird?«

Beinahe zornig richtet Siman seinen Blick auf mich, das Gelb seiner Iris leuchtet auf und lässt mich erbeben. Mir ist, als durchleuchte er meine Vergangenheit genauso wie meine Zukunft. Ein Schauer durchläuft meinen Körper, dennoch halte ich seinem Blick stand, trotzig, wild entschlossen. Dies ist meine Chance, das fühle ich. Nie zuvor bin ich dem Geheimnis der unbekannten Frage so nahe gekommen, wie in diesem Moment. Die Antwort liegt zum Greifen nah im Raum.

Mit aller Macht versuche ich, in Simans Geist einzudringen, doch er wendet sich ab und verschwindet wortlos durch die Tür.

Verflixt! Rasch eile ich ihm hinterher, hole ihn in der Mitte der Halle ein und fasse ihn am Arm. »Es wird dir doch nichts passieren, Siman?«

Befremdet blickt er auf die Stelle, wo ich ihn berühre und ich ziehe meine Hand zurück. »Wir leben nicht, um uns in Sicherheit zu wiegen, Tiepa, auch du wirst einiges wagen müssen, um deine Bestimmung zu erfüllen.«

Meine Bestimmung? Hat Siman tatsächlich in meine Zukunft geblickt? Mein Herz stockt um gleich darauf doppelt so schnell zu schlagen.

Was hat er gesehen? Werde ich Hohe Priesterin sein? Ich forsche in seinen Augen, doch im selben Augenblick erlischt das Feuer seiner Iris, und der gewohnte, abweisende Ausdruck tritt in sein Gesicht.

Ernüchtert weiche ich einen Schritt zurück. Von ihm werde ich nichts erfahren, natürlich nicht. Im Grunde genommen spielt es aber auch keine Rolle, so oder so werde ich alles daran setzen, Hohe Priesterin zu werden.

Schon jetzt verbringe ich mehr Zeit im Tempel von Mayami als irgendwo anders und wenn ich erst einmal im verschwundenen Tempel werde tanzen können …

Ich trete von einem Bein aufs andere. Am liebsten würde ich sofort losziehen, um den verschwundenen Tempel zu suchen, doch ich muss auf den angekündigten Mann aus der Menschenwelt warten. Hoffentlich kommt er bald, ich will so schnell wie möglich in diesen heiligen Tempel. Wir werden ihn finden, daran hege ich jetzt keinen Zweifel mehr. Aber was soll ich machen, wenn …? Himmel! »Siman«, rufe ich und warte, bis er stehen bleibt. »Was ist, wenn mir dieser Elia nicht helfen will? Ich bin doch nur ein Mädchen.«

Siman wendet sich um. »Das bereitet dir Sorgen?« Ein spöttisches Lächeln umspielt seine Lippen und erreicht erstmals auch seine Augen, so dass er plötzlich viel freundlicher aussieht, als sonst. »Zeige mir den Mann, der dir widerstehen kann, dann werde ich anfangen, mir darüber Gedanken zu machen.«

Ich runzle die Stirn, da klopft Siman an die Tür zum Arbeitszimmer meines Vaters und tritt ein.

Als er kurz darauf wieder in die Halle tritt, stehe ich immer noch an derselben Stelle, doch Siman eilt aus dem Haus, ohne mich noch einmal anzusehen.

Dolos – Daimon der Täuschung und des Betrugs

* * *

Die Leinwand verblasst.

Ich springe aus dem Bett. Meine Schöpfung funktioniert, jetzt muss ich sie nur noch richtig positionieren und mein Feldzug gegen Aletheia kann beginnen.

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