Das Interview zu Elia fand noch nicht statt. Aber er hat sich die Mühe gemacht, sich selbst vorzustellen. Immerhin wusste er, zu welchem Zweck er diese ganzen Bilder malen sollte.

Ich heiße Elia, bin 16 Jahre alt und leide zeit meines Lebens unter extremen Kopfschmerzen. Für meine Geisel gibt es nur ein Heilmittel: Den Gesang über dem Weiher.

Wenn ich mich konzentriere, kann ich die Melodie hören, die dort über dem Wasser schwebt. Der Gesang schenkt mir sofortige Heilung, egal, was auch immer mich plagt. Schnupfen, ein gebrochener Knochen oder eben die obligatorischen Kopfschmerzen, alles verschwindet nach wenigen Minuten des Lauschens.

Auf Medikamente dagegen, auch auf Schmerzmittel, reagiere ich allergisch. Einmal haben sie mir Antibiotika verabreicht und ich habe wochenlang halluziniert. Sie mussten mich ans Bett binden – es war die Hölle.

Wenn ich am Ufer des Weihers sitze, fühle ich mich wohl. Dort kann ich atmen.
Leider kann ich nicht meine ganze Zeit dort verbringen. Ich muss in die Schule. Eine tägliche Qual. Spätestens in der fünften Stunde beginnen die Schmerzen und steigern sich bis Schulschluss zur heftigen Migräne.
Wenn ich dann aus dem Bus steige, renne ich den ganzen Weg durch den Wald bis zu dem versteckten Weiher.

Am Ufer lasse ich alles fallen und versenke mich in Meditation. Schon nach wenigen Minuten sind meine Kopfschmerzen verschwunden und ich kann wieder frei denken.

In der Regel halte ich mich bis zum Abendessen am Weiher auf. Dann erst gehe ich nach Hause und esse mit meiner Mutter zu Abend. Oft komme ich sogar noch vor ihr an. Sie arbeitet in einer Wäscherei in der Stadt und schiebt unendlich viele Überstunden, um uns beide über Wasser zu halten.

Eines Tages werde ich berühmt werden und meine Bilder für viel Geld verkaufen. Dann muss meine Mutter nicht mehr arbeiten und wir können endlich die Zeit miteinander verbringen, die wir uns wünschen.

Ich werde mir ein Haus hier am Weiher bauen. Ein schönes, helles Haus mit Oberlicht für mein Atelier. Auch einen Verkaufsraum werde ich einrichten, so dass ich nie wieder von meinem Weiher fortgehen muss. Unter Kopfschmerzen habe ich in meinem Leben wahrlich schon genug gelitten.
Zusammen mit meiner Mutter werde ich in diesem Haus wohnen und wir werden glücklich sein. Eine Frau werde ich mir nicht nehmen. Das Leben an meiner Seite kann ich niemanden zumuten. Wer will auch schon einen Mann haben, der sich nicht von seinem Haus fortbewegen kann? Nein, Sex interessiert mich nicht. Alles, was ich will, ist, meine Kunst ausleben zu dürfen.

Wenn ich male, dann gestalte ich die Welt, so wie ich sie haben will. Dort gibt es keine Grenzen mehr, die ich nicht überschreiten könnte. Und ganz gewiss keine Kopfschmerzen.

Die Einsamkeit dieses Lebensentwurfes fürchte ich nicht. Ganz im Gegenteil. Ich liebe es, allein in der Stille des Waldes zu sein. Nur ich, das leise Gluckern des Wassers und über mir der Sternenhimmel.

Ich weiß alles über die Sterne. Oft schaue ich zum Orion-Sternenbild empor. Dann bleibt mein Blick auf Iota Orionis hängen. Das ist der helle Stern im Schwert des Orions. Von allen Sternen am nächtlichen Himmel gefällt mir dieser am besten. Ich weiß nicht warum, aber es ist so. Heimlich nenne ich ihn meinen Stern. Das klingt anmaßend, doch ich empfinde es genau so. Es ist mein Stern.

Die Leute im Dorf fürchten sich vor mir. Ich habe lange gebraucht, um herauszufinden, wieso. Es sind meine Augen, die sie erschrecken. Eigentlich habe ich ganz normale braue Augen, aber manchmal erscheint ein Feuerring um meine Pupille und dann strahlen sie in einem Bernsteingelb. Wenn es nicht blöd aussähe, würde ich deshalb am liebsten immer mit Sonnenbrille rumlaufen.

Ich habe nur einen einzigen Freund. Den habe ich schon im Kindergarten kennengelernt und Andi ist etwas ganz besonderes. Jedermann liebt ihn und die Mädchen stehen bei ihm Schlange. Dabei sieht er gar nicht so gut aus. Für einen Jungen ist er klein und zierlich, doch seine Ausstrahlung nimmt jeden gleich für ihn ein.

An mir hat er vom ersten Moment an einen Narren gefressen. Keine Ahnung wieso. Damals wollte noch niemand etwas mit mir zu tun haben. Erst als mich Andi mit zum Fußballtraining genommen hat und ich zum Star-Torwart wurde, hat sich das geändert. Die Jungs wussten, was sie an mir hatten. Ich ließ nie einen Ball ins Tor. Warum sollte ich auch? Schließlich kann ich in die Zukunft sehen und weiß immer, in welche Ecke der Torschütze schießen wird.

Gut, das ist vielleicht wirklich eine Fähigkeit, die andere Menschen nicht besitzen und sie könnte rechtfertigen, dass die Dorfbewohner nichts mit mir zu tun haben wollen. Aber sie wissen gar nichts von dieser Fähigkeit, ich posaune sie natürlich nicht in die Gegend hinaus. Nicht einmal Andi gegenüber gebe ich sie zu. Sie ist mein Geheimnis und ich verstehe es, Geheimnisse zu wahren.

Seit ich auf die Schule in der Stadt gehe, spiele ich allerdings kein Fußball mehr. Kopfschmerzen noch an zusätzlichen Nachmittagen kann ich einfach nicht mehr ertragen. Niemand, außer vielleicht meiner Mutter, versteht das ganze Ausmaß meiner Beeinträchtigung. Ich bin ein Gefangener des Weihers.

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