Autorin:
Guten Morgen, liebe Stimmen. Heute treffen wir uns zum zweiten Mal, um uns über die Bewohner Philians zu unterhalten. Diesmal soll es um Chephe gehen. Wollt Ihr sie wieder kurz vorstellen?

Stimmen:
Gern. Wie im letzten Interview bereits anklang, ist Chephe ein weiblicher Kolibri. Ihre Gestalt dagegen gleicht einer männlichen Flaggensylphe, grün-blau schimmernd und mit dem typisch langen, gegabelten Schwanz, an dessen Ende jeweils ein ›Pfauenauge‹ prankt.

Autorin:
Unter meinen Lesern ist die Gattung der Flaggensylphen vermutlich wenig bekannt. Sie kommt ja auch nur in den Anden von Südamerika vor. Vielleicht könnt Ihr etwas über die Größe dieser winzigen Vögel sagen?

Stimmen:
Die Flaggensylphen sind kleine, schlanke Kolibris. Auf Menschen wirken sie vermutlich eher wie große Insekten. Bei den Flaggensylphen erreichen die Männchen inklusive Schwanzfedern gerade mal eine Körperlänge von etwa dreizehn Zentimetern und ein Gewicht von 3 Gramm. Der Schnabel ist nicht gebogen und mit 13 mm sehr kurz.

Autorin:
Ganz so klein ist Chephe aber nicht. Immerhin misst sie von der Schnabel- bis zur Schwanzspitze stolze 25 Zentimeter. Und die Länge ihres Schnabels ist auch nicht zu verachten.

Stimmen:
Sie ist ja auch mehr, als nur eine Flaggensylphe. Sie ist ein Teil von Aletheia. Ihr bester Teil, wie sie selbst so gern zu betonen pflegt.

Autorin:
Womit begründet sie das eigentlich?

Stimmen:
Nun, sie entsprang Aletheias unverdorbenem, ursprünglichen Wesen und dünkt sich darum reiner zu sein, als die Göttin selbst .

Autorin:
Aletheias ursprünglichem Wesen? Ihr meint also, bevor sie der Daimon in der Werkstatt entstellt hat?

Stimmen:
Ja. Deshalb leidet Chephe auch weder unter Aletheias Jähzorn noch unter ihrer Rachesucht. Tatsächlich veränderte sich Aletheias Charakter durch Chephes Schöpfungsprozess ein weiteres Mal zum Negativen hin.

Autorin:
Wie das?

Stimmen:
Sie kann sich nicht mehr verlieben. Diese Fähigkeit ging vollständig auf den Vogel über.

Autorin:
Das klingt wirklich dramatisch. Aber zu einem gefühlslosen Monster ist Aletheia dadurch nicht geworden, man sieht ihr den Verlust der Fähigkeit nicht an.

Stimmen:
Nein, natürlich nicht. Sie liebt mit der gleichen Intensität wie zuvor auch und wer bereits einen Platz in ihrem Herzen besaß, behält ihn auch weiterhin. Doch die Tür zu ihrem Herzen ist jetzt verschlossen und es wird wohl kaum jemanden gelingen, sich dort noch hineinzuschleichen.

Autorin:
Damit stellt Chephe mitnichten die geplante 1:1-Kopie von Aletheia dar. Jemand muss gezielt in den Abspaltungsprozess eingegriffen und ihn in seinem Sinne gesteuert haben. Wer war das?

Stimmen:
Das weiß Aletheia nicht, und vermutlich ist es auch besser, wenn es ihr weiterhin verborgen bleibt.

Autorin:
Ihr wisst es aber, oder?

Stimmen:
Selbstverständlich, uns kann kaum etwas verborgen bleiben.

Autorin:
Sehe ich das richtig, dass Ihr den Lesern nicht verraten wollt, wer in den Schöpfungsprozess eingegriffen hat?

Stimmen:
Ja. Manche Dinge bleiben besser im Verborgenen, bis ihre Zeit gekommen ist.

Autorin:
Wieso hat Aletheia den Kolibri überhaupt erschaffen? Ihr musste das Risiko eines solch gewaltigen Schöpfungsaktes doch vertraut gewesen sein.

Stimmen:
Sie war sich der Risiken durchaus bewusst, konnte die Einsamkeit ihres gewählten Wohnortes aber schlicht und einfach nicht mehr länger ertragen. Deshalb wollte sie sich ein Gegenüber erschaffen, mit dem sie reden konnte. Da sie es zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht verstand, die Schöpferkraft zuverlässig zu nutzen, musste sie auf andere Wege der Schöpfung zurückgreifen.

Autorin:
In der Tat. Sie wollte die Abspaltung mit Hilfe des indischen Erfolgsgottes durchführen und brachte Ganescha ein Opfer. Damit kaufte sie sich seinen Erfolg.

Stimmen:
So war es geplant, ja. In Wirklichkeit aber kam Ganeschas Erfolg bei der Abspaltung gar nicht zum Zuge.

Autorin:
… sondern die Energie des großen Unbekannten. Hier stellt sich natürlich die Frage, warum er in den Schöpfungsprozess eingegriffen hat, was er damit bezweckte. Eine Frage, über die alle Beteiligten gleichermaßen rätseln.

Stimmen:
Stimmt, alle, außer Chephe.

Autorin:
Ja, und die verrät es natürlich nicht. (Autorin schmunzelt) Auch wenn Chephe Aletheias Jähzorn nicht geerbt hat, gibt es sicherlich etwas, dass sie auf die Palme bringen kann, oder?

Stimmen:
Oh ja, das gibt es. Wenn Aletheia ihrem Rat nicht folgt, ärgert sich Chephe enorm. Wir wollen an dieser Stelle dezent daran erinnern, dass sich dieser Vogel für unfehlbar hält.

Autorin:
Das ist er aber nicht, oder?

Stimmen:
Nein, ganz sicher nicht. Aufgrund ihrer Schöpferbindung kann Chephe zwar teilweise auf Wissen zurückgreifen, das Aletheia verborgen ist, doch darüber hinaus ist sie nicht allwissend. Somit liegt sie weder mit ihren Vermutungen immer richtig noch mit ihren Bestrebungen.

Autorin:
Dann tut Aletheia also gut daran, nicht jedem Rat ihres Vogels blind zu folgen?

Stimmen:
Natürlich. Niemand tut gut daran, die Verantwortung für sein Handeln auf jemand anderen zu übertragen. Wer selbständig denken kann, soll es auch tun.

Autorin:
Wem gehört dann eigentlich Chephes Loyalität? Ihrem Schöpfer oder Aletheia?

Stimmen:
Ausschließlich Aletheia! Auch wenn sie sich ihrem Schöpfer gegenüber verpflichtet fühlt und ihm Liebe und Achtung entgegenbringt, würde sie sich jederzeit gegen ihn entscheiden, um Aletheia zu schützen.

Autorin:
Durchschaut Aletheia ihren Vogel?

Stimmen:
Nein, nicht wirklich. Chephe gibt sich gern primitiv und leicht zu durchschauen, in Wahrheit jedoch verfolgt sie durchaus andere Ziele, als jene, zu denen sie sich so großmütig bekennt. Allenfalls jemand, der genauso strategisch vorgeht wie sie, könnte ihre wahren Absichten erkennen.

Autorin:
Jemand wie der Daimon der Täuschung zum Beispiel, oder die Göttin der Verblendung?

Stimmen:
Ja, Dolos und Ate würden Chephe vermutlich bald durchschauen, wenn sie ihr begegneten.

Autorin:
Von Aletheia wissen wir mittlerweile, dass sie keine Vergebung kennt. Wie steht es dahingehend mit Chephe? Vergibt sie eine zweite Chance?

Stimmen:
Ja, auf jeden Fall. Sie ist immer bereit, an das Gute in der Welt zu glauben. Vor allen Dingen dann, wenn sie jemanden liebt.

Autorin:
Aletheia würde sie also alles vergeben?

Stimmen:
Ja. Sie schmollt eine Zeitlang, aber dann kommt sie doch wieder angeflattert, schmiegt sich an Aletheias Hals und säuselt ihr ein ›Ich liebe dich aber trotzdem‹ ins Ohr.

Autorin:
Gibt es denn auch jemanden, den sie hasst?

Stimmen:
Jeden, der Aletheia Schaden zufügt. Zumindest so lange, bis er umschwenkt und zu Aletheias Wohltäter wird.

Autorin:
Wie steht es dahingehend mit Dolos?

Stimmen:
Vor dem hat sie Respekt. Da er Aletheia bisher aber kein erkennbares Leid zugefügt hat, weiß sie noch nicht genau, was sie von ihm eigentlich halten soll. Deshalb behält sie ihn im Auge.

Autorin:
Chephe sucht also stets das Beste für Aletheia zu erreichen. Doch wie sieht dieses Beste denn aus? Welches Bild schwebt ihr dabei vor? Wo will sie Aletheia eines Tages sehen?

Stimmen:
Wenn es nach Chephe geht, soll Aletheia möglichst schnell ihre wahre Macht entfalten und unangreifbar werden. Dazu hegt der Kolibri recht romantische Vorstellungen von einem Partner für Aletheia, der ihre geliebte Göttin auf Händen trägt und mit dem zusammen Aletheia unendlich glücklich ist.

Autorin:
Wer schwebt ihr da denn so vor?

Stimmen:
Nun, potentiell kann sie sich jeden Gott an Aletheias Seite vorstellen, Hauptsache er macht sie glücklich. Insgeheim aber hegt Chephe die Vorstellung, dass es vielleicht doch jener Unbekannte sein könnte, den sie einmal in Aletheias Schlafgemach erwischt hat.

Autorin:
Wer war das?

Stimmen:
Das weiß sie nicht, sie konnte ihn nicht sehen, sie hat lediglich seine Präsenz gefühlt. Aber in ihrer Vorstellung war es ein mächtiger Gott, der kam, um seine zukünftige Braut zu begutachten.

Autorin:
Hat sie nicht versucht, mit ihm zu reden?

Stimmen:
Doch, aber er hat nicht geantwortet. Das nahm sie dann als Anlass, ihm schlimmste Vergeltung anzudrohen, sollte er es jemals wagen, Aletheia zu schaden.

Autorin (lacht):
Das hat ihn sicherlich sehr beeindruckt.

Stimmen (lachen):
Anzunehmen, ja. (wieder ernst) Doch er täte gut daran! In der Regel wird Chephe gewaltig unterschätzt. Trotz ihrer körperlichen Unscheinbarkeit ist sie eine gefährliche Feindin, die ihre Beziehungen zu hochstehenden Göttern im Notfall ohne jeden Skrupel spielen lassen würde.

Autorin:
Wir können nur spekulieren, welche Götter Ihr da im Besonderen meint. Wer, würdet Ihr sagen, kennt Chephe eigentlich am besten?

Stimmen:
Nun, sie ist schwer zu durchschauen. Vermutlich ist nur ihr Schöpfer dazu in der Lage.

Autorin:
Ein zweifellos mächtiger Gott. – Ist es wichtig für Chephe, was andere von ihr denken?

Stimmen:
Nein. Sie kennt keine Scham und keine Reue. Es sei denn, sie hat das Gefühl Aletheia zu etwas gedrängt zu haben, was sich zum Schluss dann als nachteilig herausstellt. Das kann sie schon ziemlich aus der Bahn werfen.

Autorin:
Aletheia und Chephe – ein Gespann, das man besser nicht zu trennen versucht. Welchen Rat würdet Ihr Chephe zum Schluss des heutigen Interviews denn noch mit auf den Weg geben?

Stimmen:
Keinen, sie würde ihn eh nicht annehmen. Dazu ist sie viel zu sehr von sich überzeugt. Vielleicht übertreibt sie es damit ein wenig, doch in der Regel nimmt ihr das niemand übel. Sie geht ihren Weg, und weil sie so fest daran glaubt, dass es der rechte Weg ist, auf dem sie sich befindet, wird sie ihr Ziel vermutlich auch erreichen. Wir machen uns keine Sorgen um sie.

Autorin:
Vielen Dank für dies aufschlussreiche Interview. Wir sehen uns nächste Woche wieder. Dann soll es um Dolos gehen.

Stimmen:
Ein durchtriebener Kerl, dieser Daimon, ja. Wir freuen uns schon darauf, ihn auseinanderzunehmen.

 

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