Autorin:
Vielen Dank Ihr Stimmen, dass Ihr Euch zu diesem Interview bereit erklärt habt. In unserem ersten Gespräch soll es um Aletheia gehen. Mit ihr beginnt und endet die Geschichte Philians schließlich.
Vom ersten Atemzug an habt Ihr den Lebensweg der jungen Göttin begleitet. Könnt Ihr sie einmal kurz vorstellen?

Stimmen:
Aber gerne doch. Aletheia ist die griechische Göttin der Wahrheit. Blutjung und unerfahren, aber dennoch die Hoffnungsträgerin des ganzen Universums.

Autorin:
Hoffnungsträgerin eines ganzen Universums? Das klingt doch recht hochtrabend.

Stimmen:
… entspricht aber schlicht der Wahrheit. Aletheia soll die Welt nicht nur von dem Übel dieses Daimons befreien, sondern darüber hinaus auch noch zur mächtigsten Göttin aller Zeiten heranreifen.

Autorin:
Wenn ihr von Daimon sprecht, dann meint ihr Dolos, den Daimon der Täuschung und des Betrugs, nicht wahr?

Stimmen:
Selbstverständlich.

Autorin:
Aletheia soll also der Täuschung entgegenwirken?

Stimmen:
Ja, das ist ihre Bestimmung.

Autorin:
Wird sie diese Bestimmung auch erfüllen können?

Stimmen:
Darüber können wir keine Auskunft geben.

Autorin:
Ich dachte, Ihr seid allwissend?

Stimmen:
Allwissend? (Ein Lachen weht durch die Dunkelheit) Allwissend ist allein Zahur. Wir beobachten nur.

Autorin:
Dann könnt Ihr also nicht in die Zukunft sehen?

Stimmen:
Natürlich nicht.

Autorin:
Schade. Meine Leser hätte es sicher interessiert, wie die Geschichte mit Aletheia ausgeht.

(Schweigen.)

Autorin:
Unsere Göttin soll also die mächtigste Göttin aller Zeiten werden. Was gibt Euch Hoffnung, dass sie dieses Ziel auch erreichen wird?

Stimmen:
Nun, sie trägt Zahurs Schöpferkraft in sich, das eröffnet ihr alle erdenklichen Möglichkeiten.

Autorin:
Was ist denn so besonders an dieser Kraft?

Stimmen:
Sie ist einzigartig. Jeder Gott besitzt Schöpferkraft, aus der heraus er Gegenstände jeglicher Art erschaffen kann. Doch allein Zahurs Schöpferkraft vermag es, Lebewesen zu erschaffen.

Autorin:
Hier stellt sich natürlich die Frage, wie ausgerechnet Aletheia zu dieser exklusiven Kraft gekommen sein soll.

Stimmen:
Recht unspektakulär, möchte uns scheinen. (dünnes Lachen) Ihr Vater, Prometheus, hat sie ihr übertragen. Er selbst bekam sie von den Menschen verliehen.

Autorin:
Ein sehr interessanter Punkt, den Ihr gerade hier ansprecht. Die Menschen glauben ja, dass sie von den Göttern erschaffen wurden. In Wahrheit jedoch ist es umgekehrt: Die Menschen erschufen die Götter und schrieben ihnen ihre Eigenschaften zu.

Stimmen:
Das stimmt. Deshalb können die Götter auch ohne die Menschen nicht überleben. Glaubte kein Mensch mehr an sie, versiegte der Strom der Ambrosia und sämtliche Götter alterten und stürben.

Autorin:
… abgesehen von den Göttern der ersten und zweiten Generation natürlich. Die benötigen keine Ambrosia, um jung und gesund zu bleiben.

Stimmen:
Sie würden dennoch sterben. Ein Geschöpf muss gehen, wenn sein Schöpfer geht.

Autorin:
Oh, stimmt ja, das habe ich ganz vergessen. Heißt dies, dass auch Aletheia sterben könnte, obwohl sie eine Sonderstellung unter den Göttern einnimmt?

Stimmen:
Nein, damit rechnen wir nicht. Zumindest solange nicht, wie sie die Schöpferkraft in sich trägt. Über diese Kraft ist sie mit Zahur verbunden und der kann niemals sterben.

Autorin:
Das klingt, als könnte sie die Schöpferkraft auch wieder verlieren?

Stimmen:
Allerdings, diese Gefahr besteht durchaus.

Autorin:
Wie könnte das passieren?

Stimmen:
Zunächst kann ihr Zahur den Zugang zu seiner Kraft jederzeit entziehen. Außerdem gibt es da noch diesen Daimon, der hinter der Schöpferkraft her ist, wie der Teufel hinter der armen Seele.

Autorin:
Schon wieder Dolos. Ich merke, dass die beiden wohl nicht voneinander lassen können.

Stimmen:
Nein. Ihre Bestimmung zwingt sie zu einem Kampf auf Leben und Tod. Ein Kampf, dessen Ausgang mehr als ungewiss ist.

Autorin:
Warum greift Zahur dann nicht ein? Ihm muss doch daran gelegen sein, dass der Daimon gestoppt wird.

Stimmen (unwillig):
Geht es in diesem Interview um Aletheia oder um Zahur?

Autorin:
Entschuldigung, natürlich geht es um Aletheia. Nachdem wir nun einiges über ihre Bestimmung erfahren haben, interessieren sich meine Leser natürlich auch für ihre Persönlichkeit. Gibt es denn etwas, das Aletheia regelmäßig auf die Palme bringt?

Stimmen (kichern):
Oh ja, deren Dinge gibt es sogar viele. Am meisten ärgert sie sich über Betrug und Unwahrheit. Sie sprüht vor Zorn, wenn jemandem Unrecht getan wird. Und wehe, wenn es jemand wagt, ihr selbst ein Leid anzutun! Dann  wird sie zur Furie. Ja, sie ist recht jähzornig. Eine Charaktereigenschaft, die sie dem Daimon verdankt. Damit wollte er ihr Wesen verderben und das ist ihm auch gelungen. Wenn Aletheia der Zorn überkommt, ist nichts mehr vor ihr sicher. Dann zerstört sie mit ihren Blitzen, was ihr unter die Finger kommt.

Autorin:
Wie es dem Daimon gelingen konnte, den Charakter von Aletheia derart zu verderben, wird ja in einem späteren Interview noch zur Sprache kommen, wenn es um Dolos geht. Dennoch muss es den Betrachter ihres Bildes verwundern, dass eine solch zarte Göttin, derart ausrasten könnte. Eure Beschreibung, verehrte Stimmen dagegen, klingt ganz danach, als wäre es angebracht, sich vor dieser Göttin zu fürchten.

Stimmen:
Nun, ihr Menschen müsst sie sicher nicht fürchten, steht ihr doch unter dem Schutz Zahurs. Doch Götter sollten sich durchaus vor ihr in acht nehmen. Ihre Blitze sind tödlich.

Autorin:
Wie entspannt sich die junge Göttin, wenn etwas ihren Zorn erregt?

Stimmen:
Beim Malen. Vor allen Dingen aber bei der Gartenarbeit. Sie lockert die Erde stets von Hand auf und schneidet Verblühtes ab.

Autorin:
Wie das denn? Ich dachte, sie hätte ihre eigene Unsterblichkeit über die Pflanzen gezogen. Können die Blüten denn da verblühen?

Stimmen:
Eigentlich nicht. Weil sie diese Arbeit aber liebt, ruft sie die Illusion verblühter Pflanzen und unkrautverseuchter Böden hervor, um sich dennoch dieser Tätigkeit hingeben zu können.

Autorin (lacht):
Wer keine Arbeit hat, der macht sie sich eben. –Wie müssen sich meine Leser die Kindheit der Göttin vorstellen?

Stimmen:
Von einer Kindheit kann man in ihrem Fall eigentlich nicht sprechen. Als sie das Licht der Welt erblickte, besaß sie bereits ihre erwachsene Gestalt und es gab auch niemanden, der sich schützend vor sie gestellt hätte. Sie musste gleich von Anfang an ihre Frau stehen.

Autorin:
Das war sicher nicht leicht für sie. Gibt es etwas, für das sie ihrem Vater dankbar ist?

Stimmen:
Nein. Obwohl sie ihren Vater sehr liebt, war das Verhältnis zwischen den beiden recht angespannt. Sie nahm es ihm übel, dass er sie gleich nach ihrer ›Geburt‹ verließ und ins Exil ging. Als sie dann von ihrer Bestimmung erfuhr, fühlte sie sich erst recht von ihm verraten. Er hatte sie ihrer Unsterblichkeit beraubt.

Autorin:
Inwiefern?

Stimmen:
Als ungeborene Göttin wäre sie ja von Natur aus unsterblich, auch ohne Ambrosia. Doch wenn sie den Daimon nicht besiegt, wird sie die Apotichia dahinraffen.

Autorin:
Ich denke, den Begriff ›Apotichia‹ müsstet Ihr meinen Lesern erklären.

Stimmen:
Apotichia ist die Strafe für eine verfehlte Bestimmung. Sie trifft ausnahmslos jeden und tritt ein, wenn die letzte Chance verstrichen ist, an der die Bestimmung noch hätte erfüllt werden können.

Autorin:
Leider kann diesen Zeitpunkt niemand im Voraus erahnen. Kein Wunder, dass Aletheia ihren Vater mit Vorwürfen überhäufte, als er ihr von der Bestimmung erzählte. – Gibt es denn Freunde in Aletheias Leben oder irgendjemand sonst, der ihr Halt geben könnte?

Stimmen:
In ihrer Jugend traf sie auf Minoa, eine griechische Sirene, die sie etwas unter ihre Schwimmflossen nahm. Doch seit Aletheias Flucht von der Erde hat sie ihre Freundin nicht mehr gesehen.

Autorin:
Dann lebt sie jetzt ganz allein in ihrem riesigen Planetensystem?

Stimmen:
Nein, Chephe steht ihr zur Seite.

Autorin:
Wer ist Chephe?

Stimmen:
Zu ihr kommen wir im nächsten Interview. An dieser Stelle sei nur so viel verraten: Aletheia hat sie sich aus den Rippen gezogen.

Autorin:
Klingt irgendwie nach Adam und Eva. Doch um meine Leser nicht zu falschen Annahmen zu verleiten: Chephe ist weiblich, ihrer Art nach ein sprechender Kolibri und keineswegs ein Liebhaber. – Wie zeigt Aletheia, wenn sie jemanden nett findet?

Stimmen:
Sie findet niemanden nett. Ihre Fähigkeit, sich neu zu verlieben hat sie in dem Augenblick verloren, da sie ihren Kolibri erschuf.

Autorin:
Dann gibt es niemanden, den sie liebt?

Stimmen:
Oh doch. Sie liebt Dionysos. Vor allem aber liebt sie Zahur, dessen Kraft sie in sich trägt. Aus Verehrung zu ihm hat sie ihren Garten ganz nach dem Vorbild der Erde geschaffen. Und jedes Bild, das sie malt, jedes Kunstwerk, das sie schnitzt, widmet sie ihm.

Autorin:
Dann besteht ja Hoffnung, dass sie eines Tages mit Zahur glücklich werden kann. Dionysos kommt als Partner ja nicht in Betracht, weil er seinen Platz im Olymp ausfüllen muss.

Stimmen:
Nein, in dieser Hinsicht solltest du dich keinen romantischen Träumereien hingeben, Emilia. Der Machtunterschied zwischen Zahur und Aletheia ist zu groß, als dass er jemals überwunden werden könnte.

Autorin:
Aber sagtet Ihr nicht, dass es Aletheia bestimmt sei, zur mächtigsten Göttin auf Erden heranzureifen?

Stimmen:
Natürlich. Doch selbst als Schicksalsgöttin würde sie in dem Augenblick von Zahurs Macht verzehrt werden, da sie ihn berührt. Vergiss nicht, dass er ein Schöpfergott ist.

Autorin.
Hm. – Vergibt Aletheia eine zweite Chance, wenn jemand ihr gegenüber einen Fehltritt getan hat?

Stimmen:
Nein. Wer einmal bei ihr in Ungnade fällt, kommt aus dieser Position nie wieder heraus. In ihr findet sich keine Vergebung. Selbst wenn sie wollte, könnte sie über geschehenes Unrecht nicht hinwegsehen. Prometheus selbst legte das so fest. Er wollte nicht riskieren, dass sie sich eines Tages vielleicht doch noch von Dolos’ goldener Stimme verführen ließe, und von ihren Mordabsichten ihm gegenüber absähe.

Autorin:
Ist es wichtig für Aletheia, was andere von ihr denken?

Stimmen:
Nein. Die einzige Meinung, auf die sie wirklich Wert legt, ist Zahurs. Für ihn würde sie sich bis zur Unkenntlichkeit verbiegen, wenn es ihn nur dazu brächte, sie zu lieben.

Autorin:
Gibt es eine Charaktereigenschaft, die Aletheia gerne besäße?

Stimmen:
Oh, das ist eine schwere Frage. Um etwas zu begehren, benötigt der Betreffende ja wenigstens ansatzweise Ehrgeiz, warum sollte er sich sonst auch verändern wollen? Leider besitzt Aletheia heute nur noch einen mickrigen Rest ihres ursprünglichen Ehrgeizes. Auch hier sehen wir das Zerstörungswerk des Daimons.
Eines jedoch wünscht sie sich tatsächlich sehr: Sie würde sich gerne teleportieren können. Das ersparte ihr das umständliche Reisen durchs All und diverse Zeitstrudel.

Autorin:
Für meine Leser: Zeitstrudel ist der antike Begriff für ein Wurmloch. – Verehrte Stimmen, was sieht Aletheia bisher als ihren größten Erfolg an?

Stimmen:
Dass sie es geschafft hat, Zahur diesen Planeten abzutrotzen.

Autorin:
Samiela, ihren Lieblingsplaneten, ja, das war wirklich ein gewagtes Unternehmen. Wie geht die Göttin eigentlich mit Kritik um?

Stimmen:
Nun, die hört sie sich an und wenn sie ihr berechtigt erscheint, versucht sie es besser zu machen. Etwas anderes würde Chephe auch gar nicht zulassen. Sie ist Aletheias schärfste Kritikerin.

Autorin (lacht):
Ja, ja, man sollte nie jemanden aufgrund seiner Körpergröße unterschätzen. – Fällt es Aletheia denn leicht, jemanden um Hilfe zu bitten?

Stimmen:
Oh ja. Wenn es nach ihr ginge, würde sie sämtliche Aufgaben, denen sie sich noch nicht gewachsen fühlt, auf fähigere Schultern verteilen. Wie gesagt, ihr fehlt der Ehrgeiz, es selbst schaffen zu wollen, um ihre wahre Macht zu entfalten. Insgeheim sehnt sie sich nach der starken Schulter, an die sie sich anlehnen kann.

Autorin:
Dennoch kämpft sie bis zum bitteren Ende, wenn es um die Personen geht, die ihr am Herzen liegen.

Stimmen:
Ja, das stimmt. Die Intensität ihrer Liebe gleicht den Verlust ihres Ehrgeizes teilweise aus, aber eben nicht vollständig. Von sich aus strebt sie nur sehr halbherzig danach, mächtiger zu werden.

Autorin:
Etwas, das mich sehr verwundert. Schließlich ist es doch ihr größter Wunsch, Zahur zu gefallen. Wenn sie in seinen Augen bestehen will, muss sie ihren Status als ›Wald- und Wiesengöttin‹, wie er sie einmal verächtlich bezeichnet hat, schnellst möglich ablegen. Sollte das nicht als Motivation zur Reifung genügen?

Stimmen:
Anscheinend nicht. Vermutlich verhält es sich mit ihren Reifungsabsichten so, wie mit der menschlichen Motivation, zum Zahnarzt zu gehen, wenn klar ist, dass die Behandlung schmerzhaft werden wird. Jede Möglichkeit, das unangenehme Ereignis zu umgehen, wird ergriffen. Wir jedenfalls trauen ihrem Streben nicht, Schicksalsgöttin zu werden.

Autorin:
Meint ihr nicht, dass sie die Angst vor der Apotichia vorwärtstreiben wird? Immerhin hat ihr Vater ihr unmissverständlich klargemacht, dass sie erst Schicksalsgöttin werden muss, bevor sie den Kampf gegen den Daimon gewinnen kann.

Stimmen:
Nun, mitunter lässt die junge Göttin ein gesundes Maß an Furcht vermissen.

Autorin:
Welchen Rat würdet Ihr unserer jungen Wahrheitsgöttin denn zum Schluss des heutigen Interviews noch mit auf den Weg geben?

Stimmen:
Wie bereits angedeutet, fürchten wir, dass ihre Besessenheit von Zahur am Ende zu einer herben Enttäuschung führen wird. Gewönne sie nicht so viel Antriebskraft aus der irren Hoffnung, eines Tages Zahurs Achtung und Wertschätzung zu erlangen, würden wir ihr raten, diese fahren zu lassen. So aber bleibt uns nur eines, was wir ihr ans Herz legen können: Sie täte gut daran, die Liebe, die ihr von anderen Göttern entgegengetragen wird, als solche zu erkennen und dankbar anzunehmen. Gut möglich, dass dies die einzige Freude bleibt, die ihr in ihrem unsterblichen Leben vergönnt sein wird.

Autorin:
Dann bedanke ich mich für das heutige Gespräch und sehe schon voller Erwartung unserem nächsten Treffen entgegen, in dem es um Chephe, den vorwitzigen Kolibri gehen wird.

Stimmen:
Gern geschehen. Auch wir freuen uns auf das nächste Interview.

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